Deutsches Polen-Institut
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Aleksander Kwa¶niewski

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich grüße alle im Staatstheater Darmstadt Versammelten herzlich. Ich begrüße die Vertreter des Deutschen Polen-Instituts, die Freunde Polens und der Polen sowie alle, die sich für den deutsch-polnischen Dialog engagieren. Ich freue mich sehr, dass ich zum wiederholten Male Gast des Instituts sein und an den Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen dieser angesichts ihres Alters bereits sehr verdienten Institution teilnehmen kann. Das heutige Jubiläum begehen Polen und Deutsche, darunter die Präsidenten Deutschlands und Polens, gemeinsam. Dies ist der beste Beweis dafür, welch wichtige Rolle in unseren bilateralen Beziehungen das Darmstädter Institut spielt, wie sehr seine Tätigkeit die heutigen Beziehungen zwischen unseren Völkern beeinflusst hat.

Diese auf Initiative von Personen von großem Format – wie Karl Dedecius oder Marion Gräfin Dönhoff – entstandene Einrichtung hat die verschiedenen Aufzüge des deutsch-polnischen Dialogs unterstützt. Sie begleitete die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen in beiden Ländern. Ihre Tätigkeit war mit Sicherheit eine Säule der Aussöhnung zwischen unseren Nationen.

Einer Aussöhnung gewissermaßen in Form eines Bildes, das von vielen Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern sowie den Vertretern unterschiedlicher Kreise mitgeschaffen worden ist und auch heute noch wird. Die Leinwand für dieses Bild hatten die polnischen Bischöfe imprägniert, als sie ihren deutschen Brüdern die berühmte Botschaft übermittelten: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, aber auch die Evangelische Kirche in Deutschland mit ihrer vorausgegangenen Denkschrift. Der Bilderrahmen entstand durch die Vereinbarungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen von 1970 und durch den historischen Besuch von Kanzler Willy Brandt in Warschau. Verstärkt wurde der Rahmen durch die Vereinbarungen zwischen dem nunmehr wiedervereinigten Deutschland und dem vollends souveränen Polen vom Anfang der 1990er Jahre, bei denen die „gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit“ festgelegt wurden.

Das Bild der Aussöhnung entstand aus vielen Farben und Formen. Unter ihnen befand sich die Messe von Kreisau mit dem bewegenden Friedenszeichen, das Premierminister Tadeusz Mazowiecki und Kanzler Helmut Kohl austauschten. Es gab wichtige Besuche, so von Bundespräsident Roman Herzog während des 50. Jahrestages des Warschauer Aufstands, von Bundespräsident Johannes Rau auf der Westerplatte, Kanzler Gerhard Schröder zum 60. Jahrestag des Ausbruchs des Warschauer Aufstands und Bundespräsident Horst Köhler während der Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Das Versöhnungswerk wäre nicht ohne akademischen Austausch, ungezählte Debatten und Konferenzen, kulturelle Veranstaltungen und deutsch-polnische Begegnungen zustande gekommen. Eine Perspektive für all diese Worte und Taten bildete seit Beginn der 1990er Jahre der Wille nach einer Erweiterung der Europäischen Union nach Mittel- und Osteuropa. Deutschland spielte bei diesem Prozess die Rolle eines unermüdlichen Anwalts unserer Bemühungen. Dafür werden wir Polen unseren deutschen Nachbarn stets dankbar sein.

Das Versöhnungswerk hatte viele Autoren, viele Schöpfer – sie alle haben sich als wahre Virtuosen von Dialog und Verständigung erwiesen. Sie haben uns gelehrt, anders auf unsere Nachbarschaft zu blicken: Anstelle von Belastung und Bedrohung wurde sie zu einer Chance und zu einer Quelle von Inspirationen, auch wenn dieses Werk noch nicht vollendet ist.

Während der letzten 25 Jahre haben unsere Länder und Nationen nicht einen bequemen Weg des Einverständnisses beschritten, sondern sind vielmehr auf vielen Pfaden gewandert – auf leichteren und schwierigeren, auf einfachen und solchen über Berge und Täler. Doch jeder von ihnen führte zu einem einzigen Ziel: nach Jahrhunderten des Misstrauens, der Konflikte und Kriege einen ganz neuen Raum zwischen Deutschland und Polen zu errichten – einen Raum des gegenseitigen Verstehens und gemeinsamen Handelns, der guten und schöpferischen Nachbarschaft. Der Weg, den das Darmstädter Institut begangen hat, der Weg des Verständnisses der Kultur des Nachbarn, des Verstehens ihres Sinns und dadurch auch der Menschen, die sie schaffen und in ihr leben, hat sich als einer der wichtigsten erwiesen. Und eigentlich müsste man sagen – als einer der tiefgründigsten. Denn auch der kulturelle und wissenschaftliche Austausch lässt eine Verbindung zwischen den Völkern entstehen, auf einer Ebene, auf der sich die Tiefen der Humanität zeigen. Darum hatte der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland, Theodor Heuss, recht, als er sagte: „Mit Politik kann man keine Kultur machen, aber vielleicht kann man mit Kultur Politik machen.“

Die Anstrengungen der mit der Kultur beschäftigten Menschen höhlen den Fels der Vorurteile und des Misstrauens langsam, aber ungemein erfolgreich aus. Nach und nach entstehen Brücken der gegenseitigen Sympathie, des Verständnisses von Einstellungen und Wertehierarchie. Darum will ich heute vor dem Werk des Deutschen Polen-Instituts mein Haupt neigen – vor seinen Mitarbeitern und allen schöpferischen Menschen der polnischen und deutschen Kultur, die über die Jahre hin mit dem Institut zusammengearbeitet haben.

Unter der ganzen Riege hervorragender Namen, die mit dem Deutschen Polen-Institut verbunden sind, möchte ich einen ganz besonders stark hervorheben. Ich denke an Karl Dedecius, einen Menschen, der für das Werk der Annäherung unserer Völker durch Literatur und Übersetzerkunst eine epochale Rolle gespielt hat. Polen bleibt für immer in seiner Schuld. Er war der Gründer und erste Direktor des Instituts. Nur ein Mensch, von dem Tadeusz Ró¿ewicz als von einem „Sohn vieler Völker und Kulturen“ gesprochen hat, konnte zum unvergleichlichen Vermittler zwischen polnischen und deutschen Lesern werden. Von Beginn seines Bestehens an hat das Institut, das breiten Kreisen der deutschen Gesellschaft die Leistungen der polnischen Kultur, hauptsächlich der Literatur, präsentierte, die Welt daran erinnert, dass Polen stets ein wichtiger Teil Europas war. Es richtete die Aufmerksamkeit der Deutschen und anderer Westeuropäer auf einen ihnen wenig bekannten Teil des Kontinents und sensibilisierte sie für das dort bestehende intellektuelle und geistige Potential, für die Verwandtschaft und Nähe von west- und mitteleuropäischer Kultur. Das Institut hat also Dedecius’ schönes Motto verwirklicht: „Die Literatur ist ein Fenster, durch welches ein Volk dem anderen in die Augen schauen kann.“ Er hat allen bewusst gemacht, dass poetische Empfindsamkeit und die ästhetischen Werte der Kultur dazu beitragen können, Misstrauen und Vorurteile zwischen den Völkern Europas zu durchbrechen. Und es war die Literatur, die vor allem in der Anfangszeit der Institutstätigkeit das wichtigste Medium zur gegenseitigen Beeinflussung von polnischen und deutschen Künstlern, Wissenschaftlern und Politikern war.

Von diesem Ort also begann die Magie der Einrichtung in den gesamten deutschsprachigen Raum auszustrahlen. Die 50 Bände der wichtigsten literarischen Werke in der „Polnischen Bibliothek“, die damit den deutschsprachigen Lesern zugänglich gemacht wurden, sprechen für sich. Für die Unterstützung dieses epochalen Unterfangens möchte ich heute, an diesem festlichen Tag, der Stadt Darmstadt und den Ländern Hessen und Rheinland-Pfalz herzlich danken, und ich möchte auch der ganzen Bundesrepublik und ihren verschiedenen Regierungen meinen Dank aussprechen.

Es muss heute betont werden, dass das Institut im Laufe der vergangenen 25 Jahre ein ungewöhnliches Werk vollbracht hat. Durch die Verwirklichung zahlreicher editorischer und übersetzerischer Projekte, durch Symposien, Lesungen, Informationsaustausch und die Organisation von Kooperationen wurde es zu einer Schatzkammer des Wissens für Polonisten, Literaturwissenschaftler, Kritiker, Übersetzer und Verleger. Die bereits erwähnte „Polnische Bibliothek“, das „Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ oder die unlängst begonnene Serie „Denken und Wissen. Eine Polnische Bibliothek“, in der herausragende Werke der Gesellschaftswissenschaften präsentiert werden – das ist nur ein Teil des imponierenden Werks, dessen sich die Darmstädter Einrichtung rühmen kann.

Doch das Deutsche Polen-Institut ist nicht nur ein Ort der Begegnung mit der Literatur, sondern auch ein wichtiges Zentrum politischer Debatten. In den letzten Jahren ist es unter der Leitung von Professor Dieter Bingen zu einem wichtigen Forum des Gedankenaustausches über die wichtigsten und neuralgischsten Themen für beide Völker geworden. Es freut mich, dass an diesen Diskussionen über die gemeinsame Vergangenheit unserer Länder immer breitere Bevölkerungskreise teilnehmen, die bereit sind, die neuen, europäischen Herausforderungen anzunehmen, vor denen Polen und Deutschland stehen.

Fünfundzwanzig Jahre Deutsches Polen-Institut, das ist die symbolische Krönung einer gewissen Etappe beim Aufbau neuer deutsch-polnischer Beziehungen. Der Beitritt Polens zur Europäischen Union hat den Charakter unserer beiderseitigen Beziehungen verändert. Heute verbindet uns auch, vielleicht sogar vor allem anderen, die Sorge um die Zukunft des vereinten Europas. Langsam erarbeiten wir ein neues Modell des Zusammenwirkens unserer Länder, die nicht mehr nur unseren bilateralen Beziehungen dienen, sondern dem gesamten zusammenwachsenden Kontinent.

Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Europäische Union derzeit vor einer großen Herausforderung steht. Nach den Referenden in Frankreich und den Niederlanden ist ein Augenblick der Reflexion vonnöten, der Versuch, Antworten auf einige schwierige Fragen zu finden. Wie ist es dazu gekommen, dass sich die Strukturen der Union so sehr von ihren Bürgern entfernt haben? Was ist zu tun, um zu verhindern, dass diese Situation von nationalistischen und ausländerfeindlichen Kräften zur Verbreitung von Misstrauen und Animositäten in Europa genutzt wird? Wie ist der Glaube der Völker unseres Kontinents an die europäische Idee zu stärken? Eine Antwort auf diese Frage ist heute eine innenpolitisch dringende Aufgabe.

Europa sollte seiner Vision treu bleiben, es sollte den während der letzten Referenden zum Vorschein gekommenen Ängsten nicht erliegen. In einer immer mehr zusammenwachsenden und immer enger miteinander zusammenarbeitenden Welt sind weitere Erweiterungen der Gemeinschaft keine Bedrohung, sondern eine richtige Chance. Auch sollten wir auf dem Altar der Angstlinderung die europäische Solidarität nicht opfern. Darum darf es meiner tiefen Überzeugung zufolge nicht unsere Antwort auf die aufgetretenen Krisen sein, die Gemeinschaft zu schließen und zurückzublicken, sondern wir müssen ihr neue Impulse für den Integrationsprozess geben.

Die Suche nach Auswegen aus dieser schwierigen Lage ist heute die gemeinsame Pflicht der europäischen Eliten – sowohl der politischen wie auch der kulturellen und wissenschaftlichen Eliten. Europa muss, wenn es sich entwickeln und in einer sich globalisierenden Welt etwas gelten will, auf die Zukunft setzen, es muss kreativ, solidarisch und offen sein.

Die Fragen nach der Zukunft betreffen auch die deutsch-polnische Nachbarschaft im neuen, europäischen Kontext. Aus dieser Perspektive hat das Deutsche Polen-Institut keine geringe Rolle zu spielen. Auf beiden Seiten der Oder ist es nötig, ein wirkliches Interesse an Kultur und Sitten des Nachbarn, die Fähigkeit zum Aufeinanderzugehen und die Wissbegierde zu wecken. Das ist eine Aufgabe, die Institutionen wie jene in Darmstadt unvergleichlich viel besser erfüllen können als die politischen Kreise. In einer Situation, in der viele Lehrstühle für Polonistik in Deutschland aufgelöst werden, müssen wir gemeinsam wünschen, dass das Darmstädter Institut nicht zu einer einsamen Laterne werden wird, die den gemeinsamen Weg in die Zukunft beleuchtet.

Ich glaube, dass das am 30. April in Berlin eröffnete Deutsch-Polnische Jahr in dieser Hinsicht viel Gutes bringen kann. Ich hege die Hoffnung, dass es bei Polen und Deutschen das Interesse an Kultur und Sitten des Nachbarn wecken wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn dieses Unterfangen zu einem wichtigen Impuls für die Propagierung der polnischen Sprache in Deutschland werden könnte und wenn diese Teil der deutschen Lehrpläne werden würde.

Das Gefühl von Sinn und Nutzen der deutsch-polnischen Versöhnung muss nämlich endlich stärker auf die Ebene der täglichen Kontakte der einfachen Bürger vordringen. Wenn wir von den hervorragenden Beziehungen der politischen, kulturellen oder wissenschaftlichen Eliten absehen und die Rhetorik des Alltags betrachten, auch jene der Medien, so zeigt sich, dass es sowohl in Deutschland wie auch in Polen nicht an Stereotypen bei der Sicht auf den Nachbarn mangelt. An längst überholten, aber leider auch an neuen Stereotypen. Unabhängig davon, ob sie aus wirtschaftlicher Unzufriedenheit herrühren oder aus Ängsten, die durch die Unkenntnis der Kultur des Nachbars entstehen, sind derartige Klischees immer sehr gefährlich. Das Versöhnungswerk, die enge Nachbarschaft und die gemeinsame Existenz unserer Länder in Europa verpflichten. Zu einem besseren Kennenlernen, zu gegenseitiger Achtung und zu der Suche nach dem, was uns eint. Auch zu einer gemeinsamen Lösung jener Probleme, die sich aus unserer schwierigen und schmerzlichen Vergangenheit ergeben. Wenn das vereinte Europa stark sein soll, können Polen und Deutsche nicht mehr nur einfach nebeneinander her leben – sie müssen wirksam und erfolgreich zusammenarbeiten.

An diesem wichtigen Tag möchte ich allen Menschen, die mit dem Darmstädter Institut verbunden sind, wünschen, dass das von ihnen vermittelte Wissen über unser Land zur Grundlage eines tieferen Dialogs, von Vertrauen und Verständnis wird. Karl Dedecius hat einst das Werk des Übersetzers, des Herausgebers von Anthologien, mit dem Beruf des Floristen verglichen, der ganz unterschiedliche Wunder der Natur, Blumen aus verschiedenen Gegenden der Welt und von verschiedenen Gattungen, zu einem Strauß zusammenbindet. Ich wünsche dem Institut, dass es auch weiterhin hervorragende Erfolge bei der Pflege dieses deutsch-polnischen – und, weiter noch: dieses europäischen – Gartens der Kultur haben möge.

 
 
   
  Foto: Roman Größer


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