Sehr geehrte Damen und Herren,
ich grüße alle im Staatstheater Darmstadt Versammelten herzlich. Ich
begrüße die Vertreter des Deutschen Polen-Instituts, die Freunde Polens
und der Polen sowie alle, die sich für den deutsch-polnischen Dialog
engagieren. Ich freue mich sehr, dass ich zum wiederholten Male Gast
des Instituts sein und an den Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen
dieser angesichts ihres Alters bereits sehr verdienten Institution
teilnehmen kann. Das heutige Jubiläum begehen Polen und Deutsche,
darunter die Präsidenten Deutschlands und Polens, gemeinsam. Dies ist
der beste Beweis dafür, welch wichtige Rolle in unseren bilateralen
Beziehungen das Darmstädter Institut spielt, wie sehr seine Tätigkeit
die heutigen Beziehungen zwischen unseren Völkern beeinflusst hat.
Diese auf Initiative von Personen von großem Format – wie Karl
Dedecius oder Marion Gräfin Dönhoff – entstandene Einrichtung hat die
verschiedenen Aufzüge des deutsch-polnischen Dialogs unterstützt. Sie
begleitete die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen in
beiden Ländern. Ihre Tätigkeit war mit Sicherheit eine Säule der
Aussöhnung zwischen unseren Nationen.
Einer Aussöhnung gewissermaßen in Form eines Bildes, das von vielen
Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern sowie den Vertretern
unterschiedlicher Kreise mitgeschaffen worden ist und auch heute noch
wird. Die Leinwand für dieses Bild hatten die polnischen Bischöfe
imprägniert, als sie ihren deutschen Brüdern die berühmte Botschaft
übermittelten: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“, aber auch die
Evangelische Kirche in Deutschland mit ihrer vorausgegangenen
Denkschrift. Der Bilderrahmen entstand durch die Vereinbarungen
zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen von 1970 und durch
den historischen Besuch von Kanzler Willy Brandt in Warschau. Verstärkt
wurde der Rahmen durch die Vereinbarungen zwischen dem nunmehr
wiedervereinigten Deutschland und dem vollends souveränen Polen vom
Anfang der 1990er Jahre, bei denen die „gute Nachbarschaft und
freundschaftliche Zusammenarbeit“ festgelegt wurden.
Das Bild der Aussöhnung entstand aus vielen Farben und Formen. Unter
ihnen befand sich die Messe von Kreisau mit dem bewegenden
Friedenszeichen, das Premierminister Tadeusz Mazowiecki und Kanzler
Helmut Kohl austauschten. Es gab wichtige Besuche, so von
Bundespräsident Roman Herzog während des 50. Jahrestages des Warschauer
Aufstands, von Bundespräsident Johannes Rau auf der Westerplatte,
Kanzler Gerhard Schröder zum 60. Jahrestag des Ausbruchs des Warschauer
Aufstands und Bundespräsident Horst Köhler während der Feierlichkeiten
zum 60. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Das
Versöhnungswerk wäre nicht ohne akademischen Austausch, ungezählte
Debatten und Konferenzen, kulturelle Veranstaltungen und
deutsch-polnische Begegnungen zustande gekommen. Eine Perspektive für
all diese Worte und Taten bildete seit Beginn der 1990er Jahre der
Wille nach einer Erweiterung der Europäischen Union nach Mittel- und
Osteuropa. Deutschland spielte bei diesem Prozess die Rolle eines
unermüdlichen Anwalts unserer Bemühungen. Dafür werden wir Polen
unseren deutschen Nachbarn stets dankbar sein.
Das Versöhnungswerk hatte viele Autoren, viele Schöpfer – sie alle
haben sich als wahre Virtuosen von Dialog und Verständigung erwiesen.
Sie haben uns gelehrt, anders auf unsere Nachbarschaft zu blicken:
Anstelle von Belastung und Bedrohung wurde sie zu einer Chance und zu
einer Quelle von Inspirationen, auch wenn dieses Werk noch nicht
vollendet ist.
Während der letzten 25 Jahre haben unsere Länder und Nationen nicht
einen bequemen Weg des Einverständnisses beschritten, sondern sind
vielmehr auf vielen Pfaden gewandert – auf leichteren und
schwierigeren, auf einfachen und solchen über Berge und Täler. Doch
jeder von ihnen führte zu einem einzigen Ziel: nach Jahrhunderten des
Misstrauens, der Konflikte und Kriege einen ganz neuen Raum zwischen
Deutschland und Polen zu errichten – einen Raum des gegenseitigen
Verstehens und gemeinsamen Handelns, der guten und schöpferischen
Nachbarschaft. Der Weg, den das Darmstädter Institut begangen hat, der
Weg des Verständnisses der Kultur des Nachbarn, des Verstehens ihres
Sinns und dadurch auch der Menschen, die sie schaffen und in ihr leben,
hat sich als einer der wichtigsten erwiesen. Und eigentlich müsste man
sagen – als einer der tiefgründigsten. Denn auch der kulturelle und
wissenschaftliche Austausch lässt eine Verbindung zwischen den Völkern
entstehen, auf einer Ebene, auf der sich die Tiefen der Humanität
zeigen. Darum hatte der erste Präsident der Bundesrepublik Deutschland,
Theodor Heuss, recht, als er sagte: „Mit Politik kann man keine Kultur
machen, aber vielleicht kann man mit Kultur Politik machen.“
Die Anstrengungen der mit der Kultur beschäftigten Menschen höhlen
den Fels der Vorurteile und des Misstrauens langsam, aber ungemein
erfolgreich aus. Nach und nach entstehen Brücken der gegenseitigen
Sympathie, des Verständnisses von Einstellungen und Wertehierarchie.
Darum will ich heute vor dem Werk des Deutschen Polen-Instituts mein
Haupt neigen – vor seinen Mitarbeitern und allen schöpferischen
Menschen der polnischen und deutschen Kultur, die über die Jahre hin
mit dem Institut zusammengearbeitet haben.
Unter der ganzen Riege hervorragender Namen, die mit dem Deutschen
Polen-Institut verbunden sind, möchte ich einen ganz besonders stark
hervorheben. Ich denke an Karl Dedecius, einen Menschen, der für das
Werk der Annäherung unserer Völker durch Literatur und Übersetzerkunst
eine epochale Rolle gespielt hat. Polen bleibt für immer in seiner
Schuld. Er war der Gründer und erste Direktor des Instituts. Nur ein
Mensch, von dem Tadeusz Ró¿ewicz als von einem „Sohn vieler Völker und Kulturen“
gesprochen hat, konnte zum unvergleichlichen Vermittler zwischen
polnischen und deutschen Lesern werden. Von Beginn seines Bestehens an
hat das Institut, das breiten Kreisen der deutschen Gesellschaft die
Leistungen der polnischen Kultur, hauptsächlich der Literatur,
präsentierte, die Welt daran erinnert, dass Polen stets ein wichtiger
Teil Europas war. Es richtete die Aufmerksamkeit der Deutschen und
anderer Westeuropäer auf einen ihnen wenig bekannten Teil des
Kontinents und sensibilisierte sie für das dort bestehende
intellektuelle und geistige Potential, für die Verwandtschaft und Nähe
von west- und mitteleuropäischer Kultur. Das Institut hat also
Dedecius’ schönes Motto verwirklicht: „Die Literatur ist ein Fenster,
durch welches ein Volk dem anderen in die Augen schauen kann.“ Er hat
allen bewusst gemacht, dass poetische Empfindsamkeit und die
ästhetischen Werte der Kultur dazu beitragen können, Misstrauen und
Vorurteile zwischen den Völkern Europas zu durchbrechen. Und es war die
Literatur, die vor allem in der Anfangszeit der Institutstätigkeit das
wichtigste Medium zur gegenseitigen Beeinflussung von polnischen und
deutschen Künstlern, Wissenschaftlern und Politikern war.
Von diesem Ort also begann die Magie der Einrichtung in den gesamten
deutschsprachigen Raum auszustrahlen. Die 50 Bände der wichtigsten
literarischen Werke in der „Polnischen Bibliothek“, die damit den
deutschsprachigen Lesern zugänglich gemacht wurden, sprechen für sich.
Für die Unterstützung dieses epochalen Unterfangens möchte ich heute,
an diesem festlichen Tag, der Stadt Darmstadt und den Ländern Hessen
und Rheinland-Pfalz herzlich danken, und ich möchte auch der ganzen
Bundesrepublik und ihren verschiedenen Regierungen meinen Dank
aussprechen.
Es muss heute betont werden, dass das Institut im Laufe der
vergangenen 25 Jahre ein ungewöhnliches Werk vollbracht hat. Durch die
Verwirklichung zahlreicher editorischer und übersetzerischer Projekte,
durch Symposien, Lesungen, Informationsaustausch und die Organisation
von Kooperationen wurde es zu einer Schatzkammer des Wissens für
Polonisten, Literaturwissenschaftler, Kritiker, Übersetzer und
Verleger. Die bereits erwähnte „Polnische Bibliothek“, das „Panorama
der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts“ oder die unlängst
begonnene Serie „Denken und Wissen. Eine Polnische Bibliothek“, in der
herausragende Werke der Gesellschaftswissenschaften präsentiert werden
– das ist nur ein Teil des imponierenden Werks, dessen sich die
Darmstädter Einrichtung rühmen kann.
Doch das Deutsche Polen-Institut ist nicht nur ein Ort der Begegnung
mit der Literatur, sondern auch ein wichtiges Zentrum politischer
Debatten. In den letzten Jahren ist es unter der Leitung von Professor
Dieter Bingen zu einem wichtigen Forum des Gedankenaustausches über die
wichtigsten und neuralgischsten Themen für beide Völker geworden. Es
freut mich, dass an diesen Diskussionen über die gemeinsame
Vergangenheit unserer Länder immer breitere Bevölkerungskreise
teilnehmen, die bereit sind, die neuen, europäischen Herausforderungen
anzunehmen, vor denen Polen und Deutschland stehen.
Fünfundzwanzig Jahre Deutsches Polen-Institut, das ist die
symbolische Krönung einer gewissen Etappe beim Aufbau neuer
deutsch-polnischer Beziehungen. Der Beitritt Polens zur Europäischen
Union hat den Charakter unserer beiderseitigen Beziehungen verändert.
Heute verbindet uns auch, vielleicht sogar vor allem anderen, die Sorge
um die Zukunft des vereinten Europas. Langsam erarbeiten wir ein neues
Modell des Zusammenwirkens unserer Länder, die nicht mehr nur unseren
bilateralen Beziehungen dienen, sondern dem gesamten zusammenwachsenden
Kontinent.
Wir sind uns darüber im Klaren, dass die Europäische Union derzeit
vor einer großen Herausforderung steht. Nach den Referenden in
Frankreich und den Niederlanden ist ein Augenblick der Reflexion
vonnöten, der Versuch, Antworten auf einige schwierige Fragen zu
finden. Wie ist es dazu gekommen, dass sich die Strukturen der Union so
sehr von ihren Bürgern entfernt haben? Was ist zu tun, um zu
verhindern, dass diese Situation von nationalistischen und
ausländerfeindlichen Kräften zur Verbreitung von Misstrauen und
Animositäten in Europa genutzt wird? Wie ist der Glaube der Völker
unseres Kontinents an die europäische Idee zu stärken? Eine Antwort auf
diese Frage ist heute eine innenpolitisch dringende Aufgabe.
Europa sollte seiner Vision treu bleiben, es sollte den während der
letzten Referenden zum Vorschein gekommenen Ängsten nicht erliegen. In
einer immer mehr zusammenwachsenden und immer enger miteinander
zusammenarbeitenden Welt sind weitere Erweiterungen der Gemeinschaft
keine Bedrohung, sondern eine richtige Chance. Auch sollten wir auf dem
Altar der Angstlinderung die europäische Solidarität nicht opfern.
Darum darf es meiner tiefen Überzeugung zufolge nicht unsere Antwort
auf die aufgetretenen Krisen sein, die Gemeinschaft zu schließen und
zurückzublicken, sondern wir müssen ihr neue Impulse für den Integrationsprozess
geben.
Die Suche nach Auswegen aus dieser schwierigen Lage ist heute die
gemeinsame Pflicht der europäischen Eliten – sowohl der politischen wie
auch der kulturellen und wissenschaftlichen Eliten. Europa muss, wenn
es sich entwickeln und in einer sich globalisierenden Welt etwas gelten
will, auf die Zukunft setzen, es muss kreativ, solidarisch und offen
sein.
Die Fragen nach der Zukunft betreffen auch die deutsch-polnische
Nachbarschaft im neuen, europäischen Kontext. Aus dieser Perspektive
hat das Deutsche Polen-Institut keine geringe Rolle zu spielen. Auf
beiden Seiten der Oder ist es nötig, ein wirkliches Interesse an Kultur
und Sitten des Nachbarn, die Fähigkeit zum Aufeinanderzugehen und die
Wissbegierde zu wecken. Das ist eine Aufgabe, die Institutionen wie
jene in Darmstadt unvergleichlich viel besser erfüllen können als die
politischen Kreise. In einer Situation, in der viele Lehrstühle für
Polonistik in Deutschland aufgelöst werden, müssen wir gemeinsam
wünschen, dass das Darmstädter Institut nicht zu einer einsamen Laterne
werden wird, die den gemeinsamen Weg in die Zukunft beleuchtet.
Ich glaube, dass das am 30. April in Berlin eröffnete
Deutsch-Polnische Jahr in dieser Hinsicht viel Gutes bringen kann. Ich
hege die Hoffnung, dass es bei Polen und Deutschen das Interesse an
Kultur und Sitten des Nachbarn wecken wird. Ich würde mich sehr freuen,
wenn dieses Unterfangen zu einem wichtigen Impuls für die Propagierung
der polnischen Sprache in Deutschland werden könnte und wenn diese Teil
der deutschen Lehrpläne werden würde.
Das Gefühl von Sinn und Nutzen der deutsch-polnischen Versöhnung
muss nämlich endlich stärker auf die Ebene der täglichen Kontakte der
einfachen Bürger vordringen. Wenn wir von den hervorragenden
Beziehungen der politischen, kulturellen oder wissenschaftlichen Eliten
absehen und die Rhetorik des Alltags betrachten, auch jene der Medien,
so zeigt sich, dass es sowohl in Deutschland wie auch in Polen nicht an
Stereotypen bei der Sicht auf den Nachbarn mangelt. An längst
überholten, aber leider auch an neuen Stereotypen. Unabhängig davon, ob
sie aus wirtschaftlicher Unzufriedenheit herrühren oder aus Ängsten,
die durch die Unkenntnis der Kultur des Nachbars entstehen, sind
derartige Klischees immer sehr gefährlich. Das Versöhnungswerk, die
enge Nachbarschaft und die gemeinsame Existenz unserer Länder in Europa
verpflichten. Zu einem besseren Kennenlernen, zu gegenseitiger Achtung
und zu der Suche nach dem, was uns eint. Auch zu einer gemeinsamen
Lösung jener Probleme, die sich aus unserer schwierigen und
schmerzlichen Vergangenheit ergeben. Wenn das vereinte Europa stark
sein soll, können Polen und Deutsche nicht mehr nur einfach
nebeneinander her leben – sie müssen wirksam und erfolgreich
zusammenarbeiten.
An diesem wichtigen Tag möchte ich allen Menschen, die mit dem
Darmstädter Institut verbunden sind, wünschen, dass das von ihnen
vermittelte Wissen über unser Land zur Grundlage eines tieferen
Dialogs, von Vertrauen und Verständnis wird. Karl Dedecius hat einst
das Werk des Übersetzers, des Herausgebers von Anthologien, mit dem
Beruf des Floristen verglichen, der ganz unterschiedliche Wunder der
Natur, Blumen aus verschiedenen Gegenden der Welt und von verschiedenen
Gattungen, zu einem Strauß zusammenbindet. Ich wünsche dem Institut,
dass es auch weiterhin hervorragende Erfolge bei der Pflege dieses
deutsch-polnischen – und, weiter noch: dieses europäischen – Gartens
der Kultur haben möge.