Deutsches Polen-Institut
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Übersetzung als Brücke, Übersetzer als Brückenbauer

 von Martin Pollack, Preisträger 2007

Meine ersten Erlebnisse mit Brücken, an die ich zurückdenken kann, waren verbunden mit der Erkenntnis, dass wir nicht alle dieselbe Sprache sprechen, was die Begegnung mit dem Anderen, dem anderen Menschen, dem Menschen anderer Herkunft zu einem Abenteuer mit ungewissem Ausgang machen kann.

Ich rede hier von meiner Kindheit in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Das von der Herrschaft des Nationalsozialismus befreite Österreich war aufgeteilt in vier Besatzungszonen, deren Grenzen oftmals entlang von Flüssen verliefen, was mit sich brachte, dass die Kontrollposten der jeweiligen Besatzungsmächte auf Brücken eingerichtet wurden.

Eine Brücke nicht als Verbindung, sondern als trennende Grenze.
Wenn ich zum Beispiel von meiner Heimatstadt Linz zu den Großeltern in Niederösterreich fuhr, musste ich die amerikanisch-sowjetische Zonengrenze an der Enns passieren. Der Zug hielt auf beiden Seiten der Brücke, wo fremde Soldaten zustiegen, um die Papiere der Reisenden zu kontrollieren, zuerst auf der amerikanischen, dann auf der russischen Seite oder auch umgekehrt.

Die russische Kontrolle an der Ennsbrücke war bei den Reisenden gefürchtet. Immer wieder hörte man von Menschen, die scheinbar grundlos aus dem Zug gezerrt und abgeführt wurden, einem ungewissen Schicksal entgegen. Mehr als einmal wurde ich als Kind selber Zeuge solcher Vorgänge, die mir große Angst einjagten. Die Unsicherheit der Reisenden wurde genährt durch die Tatsache, dass die sowjetischen Soldaten, die die Kontrolle durchführten, in der Regel kein Wort Deutsch sprachen, während die Österreicher kein Russisch konnten. Die Unfähigkeit, den Anderen zu verstehen und auf seine barsch vorgetragenen Fragen einzugehen, brachte so manchen Passagier in ernsthafte Schwierigkeiten.

Da war es ein Glücksfall, wenn einer der Mitreisenden ein paar Brocken Russisch (oder einer anderen slawischen Sprache) konnte, um so die bedrohliche Sprachlosigkeit zwischen dem Vertreter der Besatzungsmacht und dem heimischen Bahnreisenden zu durchbrechen und wenigstens ansatzweise eine Verständigung herzustellen.

Damals, auf der Brücke über die Enns, die zwei unterschiedliche politische Systeme, ja zwei gegensätzliche Welten mehr voneinander trennte als sie miteinander zu verbinden, machte ich erstmals die Erfahrung, welche Bedeutung der Übersetzung zukommen kann.
Die Übersetzung als Versuch, die Kluft, die uns vom Anderen trennt, zu überbrücken.
 Dass meine ersten Erfahrungen mit der Macht und Bedeutung von Übersetzungen mit Brücken – nicht metaphorischen, sondern realen, Flüsse überspannenden und Ufer verbindenden Brücken – zu tun hatten, verdankt sich natürlich einem von der Geschichte gesteuerten Zufall, aber es hat mein Bild von der Übersetzung nachhaltig geprägt.

Die Übersetzung als Brücke, allerdings nicht als Brücke, die uns vom Anderen trennt, sondern die uns die Begegnung mit ihm erleichtert, die uns erlaubt, ihm entgegenzugehen und die zwischen uns stehende Fremdheit zu überwinden. In diesem Sinn sind wir Übersetzer so etwas wie Brückenbauer, Brückeningenieure, die unermüdlich an der Verständigung mit Menschen anderer Kultur- und Sprachkreise arbeiten.

Natürlich ist der Begriff der Brücke vieldeutig, wir können darunter einen kleinen Steg verstehen, der über ein schmales Rinnsal führt, aber auch ein kühnes, große Distanzen überspannendes Bauwerk.

Mit der Übersetzung ist es ganz ähnlich. Ich habe eingangs von einer behelfsmäßigen, laienhaften Übersetzung gesprochen, nicht viel mehr als ein Radebrechen, das trotzdem in manchen Fällen seinen Zweck erfüllt. Oft genügen tatsächlich ein paar Brocken, reicht schon der Versuch, sich dem Anderen verständlich zu machen, um eine provisorische Brücke zu errichten und bestehendes Misstrauen zu überwinden.

Wir kennen das schöne Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer, der bekanntlich auch als literarischer Übersetzer tätig war, mit dem schlichten Titel „Mit zwei Worten“.
Das Gedicht handelt von einer Sarazenin, Tochter eines Emirs im Palästina zur Zeit der blutigen Kreuzzüge, die in Liebe zu einem gefangenen englischen Pilger entbrennt, der am Hof ihres Vaters als Sklave gehalten wird. Nachdem sie seine Fesseln gelöst und ihm auf diese Weise die Flucht und damit die Rückkehr nach England ermöglicht hat, macht sich die unglücklich verliebte Emirstochter auf die Suche nach dem Fremden. Die beiden einzigen Worte, die sie in seiner Sprache beherrscht, sind Gilbert, der Name des einstigen Sklaven, und London, der Ort seiner Herkunft. Mit Hilfe dieser zwei Worte fragt sich die Sarazenin, von Liebe beflügelt, von Palästina bis London durch, wo sie tatsächlich ihren Gilbert findet, der sie, gerührt von der alle Grenzen überwindenden Kraft ihrer Liebe, in die Arme schließt.
Mit nur zwei Worten zum Happy End. Mit so knappen Mitteln lässt sich allerdings höchstens ein schmaler, schwankender Steg errichten, der bloß eine von Liebe beschwingte Person ans Ziel zu tragen vermag.  Eine echte Brücke, die wirklich diesen Namen verdient, muss auf breitere, solidere Fundamente gestellt werden, wenn sie der Verständigung dienen soll. Das weiß niemand besser als die literarischen Übersetzer, die damit beschäftigt sind, mit ihren Übertragungen dauerhafte sprachliche Brücken zu schlagen.

Was die Übersetzung literarischer Werke erreichen kann und wo ihre Grenzen sind, darüber ist schon viel geschrieben worden. Das gilt auch für die literarischen Übersetzer selber, für die an sie gestellten Anforderungen: voran Hingabe für den Autor und sein Werk, das es möglichst getreu zu übertragen gilt, allerdings mit der sprachlichen Originalität und Eleganz, die es braucht, um einen literarischen text zu erstellen. Von der Schwierigkeit, ja manchmal Unmöglichkeit, diese beiden Kriterien, die möglichst sorgfältige und genaue Wiedergabe der Vorlage einerseits und eigenständige sprachliche Originalität andererseits miteinander in Einklang zu bringen, weiß jeder, der sich je über die dünne papierene Brücke einer literarischen Übersetzung gewagt hat.
Übersetzen heißt permanent scheitern, mit dem Scheitern zu leben, sich damit abzufinden, dass wir eine ideale Übersetzung nie erreichen können, aber dennoch nie aufzugeben und es immer von neuem zu versuchen.

Übersetzen, auch das sei gesagt, ist ein undankbares, vor allem aber ein unbedanktes Geschäft, das seinen Mann oder seine Frau in der Regel nur bescheiden zu ernähren vermag. Übersetzer sind daher bekannt für die Klagen, die sie anstimmen, wenn die Rede auf ihre berufliche Situation kommt. Das Los der literarischen Übersetzer sei hart, bekommt man dann zu hören, ein einziges Jammertal, voll saurer Wiesen und steiniger Felder, die wenig einbringen. Die Übersetzer seien gezwungen, sich selber auszubeuten, sie seien notorisch unterbezahlt und unterbewertet.

Die Brückenbauer als getretene, entrechtete, ausgebeutete Sklaven.
Das ist keine Übertreibung, das entspricht der Realität. Dennoch würde ich dafür plädieren, unsere Rolle neu zu überdenken und die Aufgabe als Brückenbauer erweitert zu betrachten. Die amerikanische Autorin Susan Sontag schreibt in ihrem erhellenden Essay Die Welt als Indien. Übersetzung als Kunst der Anverwandlung des Fremden über die Aufgaben des Übersetzers:
„Übersetzen bedeutet vielerlei, unter anderem: in Umlauf bringen, weitertragen, verbreiten, erklären, zugänglich(er) machen.“
Susan Sontag bezieht sich hier vor allem auf die traditionelle Tätigkeit des Übersetzers, auf die kompetente Arbeit am Text. Um allerdings ein Buch in Umlauf bringen, um es weiter tragen und verbreiten zu können, um aus der Übersetzung tatsächlich eine tragfähige, dauerhafte Brücke zu machen, braucht es noch mehr: Diese Aufgabe verlangt eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit und Werbung, strategisches Denken und unermüdliches Argumentieren. Das beginnt schon bei der Suche nach übersetzenswerten Autoren und Titeln und dann Verlagen, die bereit sind, eine Übersetzung in Auftrag zu geben, was mit großem Risiko verbunden ist. Der Übersetzer muss sich in diesem Sinn als literarischer Scout begreifen, als Spürhund, der neue und natürlich auch alte, aus irgendeinem Grund bisher übersehene oder in Vergessenheit geratene Titel ausfindig macht. Und dann muss er Überzeugungsarbeit leisten, er muss beraten, bekehren, belehren, bearbeiten und oft genug auch breitschlagen. Das gilt für Lektoren und Verleger, aber auch für Autoren, denen der Übersetzer als Berater und manchmal auch als (in der Regel unbezahlter) Agent zur Seite steht.

Den Übersetzer als literarischen Scout hat es immer schon gegeben, vor allem bei den so genannten „kleinen Sprachen“, zu denen wir bekanntlich auch solche rechnen, die von vielen Millionen Menschen gesprochen werden, wie etwa Polnisch, Ukrainisch oder auch Türkisch, um nur ein paar zu nennen.

Die andere Rolle hingegen, in die der Übersetzer heute oft schlüpfen muss, um das von ihm übersetzte Werk weiter zu tragen und zu verbreiten, ist weniger geläufig. Diese Rolle hängt mit der Situation in den Verlagen zusammen, mit dem beklagenswerten Mangel an guten, engagierten Lektoren und den schlechten Sprachkenntnissen (in dieser Hinsicht hat sich die Situation überraschenderweise nicht verbessert), mit dem fehlenden Denken in langfristigen Programmen, zu dem auch gehört, einen Autor langsam und sorgfältig aufzubauen. Heute sind viele Verleger auf Schnellschüsse aus, auf den raschen Erfolg, den ruhmträchtigen Bestseller, der bereits marktgerecht, sozusagen gebrauchsfertig geliefert wird. Diesem Trend müssen sich die literarischen Übersetzer entgegenstemmen, im Interesse „ihrer“ Autoren und „ihrer“ Literatur, vor allem wenn diese als „schwierig“ gelten und nicht im allgemeinen Trend liegen.

In dieser Hinsicht sind die Übersetzer gut beraten, sich nicht auf die Arbeit des Verlags zu verlassen, sondern auf eigene Faust zu agieren, Kontakte zu Medien zu knüpfen und sich Strategien auszudenken, wie man Breschen in die Mauern der Unwissenheit und Ignoranz schlagen kann, um jene Öffentlichkeit herzustellen, ohne die heute nichts geht.
Ich höre schon die Einwände, dass wir für diese zusätzliche Arbeit – und alles, was ich hier kurz skizziert habe, bedeutet viel Arbeit! – nicht entlohnt werden. Nicht einmal bedankt. Und auch der Erfolg ist ungewiss. Wenn man sich an eine Übersetzung macht, hat man ein konkretes Ziel vor Augen, im Normalfall einen Vertrag in der Tasche, einen Abgabetermin. Die Vermittlertätigkeit, von der ich spreche, ist nicht so genau umrissen, die ist wie eine endlose, in der Ferne verschwindende staubige Straße, gesäumt von zahllosen Niederlagen und wenigen, ganz wenigen kleinen Erfolgen.
Warum sollen wir uns das also antun? Warum sollen wir unsere Kräfte vergeuden und unsere ruhige Position, beinahe der einzige Luxus, den wir als Übersetzer genießen, leichtfertig aufs Spiel setzen? Um einen Beitrag zur Verständigung zwischen den Menschen und Völkern zu leisten? Um an einer soliden Brücke zwischen den Kulturen mitzubauen? Wird man uns das danken? Das halte ich für unwahrscheinlich. Kann das dazu beitragen, unsere materielle Situation zu verbessern? Das würde ich getrost ausschließen.

Und trotzdem plädiere ich dafür, dieses Wagnis zu unternehmen. Denn Brücken sind wunderbare Bauten, je höher und weiter, umso schöner. Die schönsten sind die Brücken aus Papier, die Brücken der Übersetzung. Zart, doch ungemein fest und dauerhaft. Allerdings müssen wir uns immer vor Augen halten, dass es für die Errichtung solcher Werke viel Ausdauer und Kraft braucht – und auch die Bereitschaft, Niederlagen einzustecken.

Frankfurt am Main, 17. Oktober 2008

 
 
   
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