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Claudia Kraft
Blickwechsel oder Introspektion?
30 Jahre Vertreibungsdebatten im Gedenkjahr 2010/11
Der Vortrag behandelt die beziehungsgeschichtliche Dimension des "Komplexes Vertreibung" vor dem Hintergrund deutscher, polnischer und (seltener) deutsch-polnischer Debatten in den letzten drei Jahrzehnten. Ausgangspunkt ist dabei die dreißigjährige Wiederkehr der Veröffentlichung des bahnbrechenden Essays von Jan Józef Lipski „Dwie ojczyzny-dwa patriotyzmy. Uwagi o megalomanii narodowej i ksenofobii Polaków” in der polnischen Exilzeitschrift „Kultura“ (1981). Das dortige Reflexionsniveau sollte auf beiden Seiten der Oder in den darauffolgenden drei Jahrzehnten selten wieder erreicht werden. Immerhin wurde seit 1989 eine offenere Debatte über das Thema Vertreibung diesseits und jenseits der Oder möglich – nicht zuletzt durch die Grenz- und Nachbarschaftsverträge der Jahre 1990/91. Doch dass verbesserte (geo-)politische Rahmenbedingungen nicht unbedingt zu einer Zunahme von Vernunft in öffentlichen Auseinandersetzungen führen müssen, wurde spätestens seit den Diskussionen um die im Jahr 2000 in Deutschland gegründete Stiftung „Zentrum gegen Vertreibungen“ deutlich. Zehn Jahre später ist noch immer unklar, wie das Erinnern an die Vertreibung gestaltet werden soll. Der Vortrag zeichnete die mäandernden Debatten entlang der genannten Jahrestage nach und versucht ein mögliches Zwischenfazit zu ziehen.
Prof. Dr. Claudia Kraft (geb. 1968) ist Professorin für Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Erfurt
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