 |
Andreas Lawaty
Wunder an der Weichsel. Vom säkularen und theologischen Charakter anti-totalitärer Erinnerung
Als Marschall Pi³sudski 1920 bei Warschau die sowjetische Armee besiegt hatte, waren es seine politischen Gegner in Polen, die das Bild vom „Wunder an der Weichsel“ erfunden und den Sieg damit der göttlichen Vorsehung zugeschrieben haben. Die Tatsache, dass die Schlacht am 15. August, dem Tag der Mutter Gottes Königin Polens ihren Höhepunkt erreicht hat, verhalf dem Bild zu seiner Geltung. Die Vorstellung, damals den Sieg des totalitären Kommunismus in der Welt abgewendet zu haben, hat dieser Verbindung von Politik und Glauben schließlich die angemessene universalhistorische Dimension gegeben. Der Vortrag geht aber nicht primär dem konkreten „Wunder an der Weichsel“ sondern der Frage nach, wie intensiv politische und religiöse Geschichtsdeutungen in der Erinnerungskultur zueinanderfinden oder in Konflikt geraten können. Die Tradition der Sakralisierung nationaler Identität blieb in Polen nicht unwidersprochen, verfehlt aber auch bis heute ihre Wirkung nicht. Dass die Rituale des Gedenkens religiöse Substanz haben, kann in der säkularisierten Erinnerungskultur und in der gegenwartsbezogenen Praxis der Geschichtspolitik leicht in Vergessenheit geraten.
Dr. Andreas Lawaty (geb. 1953) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordosteuropa (IKGN) in Lüneburg
|
|
|
|