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Robert Traba
Wie tickt die polnische Erinnerung? Der nationale Opferdiskurs und seine romantischen Grundlagen
Drei nationale Aufstände (1794, 1830/1831, 1863/1864), über fünf Millionen Opfer im Zweiten Weltkrieg, der Warschauer Aufstand, Katyñ, Monte Cassino … Oft werden diese dramatischen Ereignisse in einen Kausalzusammenhang gestellt, der auf die These hinausläuft, dass das Schicksal der polnischen Nation, im Namen höherer Werte zu leiden, ein ganz besonderes sei. Die Vorstellungen von der historischen Mission der Polen reichen tief in die Vergangenheit und wurzeln im polnischen Selbst- und Metastereotyp. Oft dienen sie auch als Grundlage dafür, wie die Polen von Vertretern anderer europäischer Nationen gesehen werden.
Wie dauerhaft die Art und Weise ist, wie man sich an die eigene Geschichte erinnert, hat die Ritualisierung der Trauer nach dem Flugzeugabsturz von Smolensk (10.4.2010) gezeigt. Der Historiker Janusz Tazbir hat diese Sicht der Geschichte scharf kritisiert: Wolle man die Außergewöhnlichkeit Polens zeigen, dann höchstens in negativem Sinne, „denn nirgendwo anders gab es so viele zum Scheitern verurteilte Aufstände, so viele Gemetzel und so viele fürchterlich schlechte Herrscher …“. Diese Stimme steht nicht alleine. Die polnische Erinnerung tickt. Doch sie tickt unregelmäßig und nicht gleichmäßig verteilt. Trotz vieler Auseinandersetzungen steht im Hintergrund immer noch der nachromantische Opfermythos mit seinen Interpretationen, von denen es allen Stereotypen zum Trotz sehr viele gibt. Für viele Europäer oft unverständlich, zeigen sie auf, wie sich die polnische Identität zwischen Tradition und Modernisierung verändert.
Prof. Dr. Robert Traba (geb. 1958) ist Direktor des Zentrums für Historische Forschungen der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin und Honorarprofessor an der Freien Universität Berlin
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