Reiseführer – Ratgeber oder Stereotypenschleuder?
Eine internationale Tagung in Lübeck
„Der genormte Blick aufs Fremde. Reiseführer in und über Ostmitteleuropa“ lautete der Titel einer internationalen Tagung, die das Deutsche Polen-Institut gemeinsam mit der Academia Baltica und der Universität Kiel vom 24. bis 26. Oktober 2008 in Lübeck organisierte. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Polen, Deutschland und Tschechien diskutierten über die Quellengattung des Reiseführers, der für viele Menschen den „kulturellen Erstkontakt“ mit einem neuen Land, einer neuen Region darstellt. Wie vermitteln diese Texte ihr Wissen, wie bilden sie Stereotype, deformieren sie die beschriebenen Landschaften?
Die Tagung hatte mehrere inhaltliche Schwerpunkte. Während am ersten Tag methodische Zugänge der Geschichts- und Medienwissenschaft sowie der Geographie zur Sprache kamen, stand der zweite Tag im Zeichen von historischen bzw. gegenwartsbezogenen Fallstudien: Memelland und Königsberg, Baltikum, Nordböhmen oder Posen. Besonders aufschlussreich waren die Kommentare zweier Kunsthistoriker, die ihre eigene Arbeit als Reisebuchautoren kritisch reflektierten. Am Abschlusstag wurden Ausblicke in die Zukunft des Reiseführers präsentiert – sei es in gedruckter Form als „interkultureller“ Reiseführer, sei es in virtueller Form als GPS-Schnitzeljagd oder Handy-gestützte Orientierungshilfe im touristischen Gelände.
Die Tagung offenbarte, wie stark Reisebücher seit jeher mit dem „genormten Blick“ arbeiten: Die Reise ist im Grunde eine Ware, die von Reisebuchverlagen und Reiseveranstaltern verkauft wird, weshalb verstörende oder allzu komplizierte Einblicke in das Zielland oder die Zielregion nicht gefragt sind. Zum anderen kanonisieren Reisebuchautoren nationale Kulturlandschaften und lenken ihre Leser zu sogenannten „Highlights“, die oft nur eine von vielen möglichen Geschichten erzählen. In einer historisch so komplexen Geschichtsregion wie Ostmitteleuropa führt dies zwangsläufig zum Entstehen bzw. zur Stärkung von Stereotypen.
Zu der in entspannter Atmosphäre stattfindenden Tagung gehörte auch eine Lesung mit dem polnischen Schriftsteller Andrzej Stasiuk, der in seinen Reisetexten über Ostmitteleuropa – und jüngst mit Dojczland auch über Deutschland – ganz andere Darstellungsstrategien wählt als die Produzenten herkömmlicher reisepraktischer Literatur.
Die Tagung wurde gefördert vom Bundesbeauftragten für Kultur und Medien sowie von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit.