"Soviel Erinnerung war noch nie. Von Argentinien bis Japan, von Südafrika bis Rußland pflegen Gesellschaften die Reue und oft genug den Streit darüber, ob und wie gedacht, bereut womöglich auch geahndet werden soll, was einst an Unrecht verübt wurde. In Deutschland spricht man inzwischen von mehreren 'Vergangenheiten', die es zu 'bewältigen' gelte, von 'Trauerarbeit' und 'Geschichtspolitik'.
In Polen tut man sich schwer damit, diese neuen Begriffe zu übersetzen. Doch auch dort hat sich in den letzten zehn oder im Grunde 20 Jahren eine neue Auseinandersetzung mit der Geschichte Bahn gebrochen, mit fremdem Leid, aber auch mit eigenem, bis dahin totgeschwiegenem.
All das kann seit der Überwindung der kommunistischen Regime betrachtet werden. So kommt der von zwei Mitarbeitern des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt vorgelegte Band zur rechten Zeit. Der polnische Außenminister und Historiker Bronis³aw Geremek hat die Einleitung geschrieben ('Europa und sein Gedächnis'). Nicht nur aufeinander bezogene, deutsch- polnische, nein, 'polnische und deutsche Erfahrungen' werden in 26 Beiträgen behandelt. Immer wieder wird deutlich, daß beide Gesellschaften mit sich selbst über die Deutung ihrer eigenen Geschichte in vielen Fällen im unreinen sind.
(Gerhard Gnauck in: Die Welt vom 29. Mai 1999)