Deutsches Polen-Institut
Seite drucken
   
Startseite
   

Jahrbuch 11 - Vorwort

"Nur der Wandel ist beständig" - unter diesem Motto kündigte Dieter Bingen in der letzten Ausgabe der ANSICHTEN (10/1999) die Erweiterung des Aufgabenprofils des Deutschen Polen-Instituts an. Das in der Öffentlichkeit bisher vor allem als Literatureinrichtung wahrgenommene Institut, bekannt durch seine verlegerischen und translatorischen Projekte, wie die "Polnische Bibliothek" und das "Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts", erfährt gegenwärtig neben der Fortführung des literarischen Programms eine inhaltliche Ergänzung um zeitgeschichtliche, gesellschafts-, wirtschafts- und politikwissenschaftliche Ansätze, gepaart mit einem verstärktem Engagement in deutschen und polnischen Medien.
Unser Jahrbuch ANSICHTEN zeigt sich den neuen Erwartungen gewachsen; mit seinen unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunkten (Essay, Literatur, Chronik) stand es von Anfang an einem breiten Themenspektrum offen. Im Vordergrund der Leserinteressen steht nach wie vor die Auseinandersetzung mit einem weitgefaßten Begriff polnischer Kultur, Geschichte und Gesellschaft und mit den unterschiedlichen Facetten der deutsch-polnischen Beziehungen. Renommierte Autoren aus Politik, Wissenschaft und Medien haben im Essayteil seit Jahren ihr Forum gefunden.
Da die ANSICHTEN als Markenprodukt des Deutschen Polen-Instituts weiterhin eine Brückenfunktion zwischen den unterschiedlichen Interessensbereichen haben werden, planen wir keine grundsätzlichen Veränderungen. Das Jahrbuch ist nach wie vor bestens geeignet, dem interdisziplinären Charakter des Instituts Rechnung zu tragen. 

Mehrere Autoren gehen im Essayteil dieser Ausgabe auf die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahre in Polen, Deutschland und Europa ein. Im Vordergrund stehen die aktuellen Diskussionen in der polnischen Politik und Gesellschaft zum Thema Europa. Klaus Bachmann und Dieter Bingen suchen aus unterschiedlichen Blickwinkeln nach Antworten auf die im europäischen Integrationsprozeß so wichtige Frage: "Was können neue Mitglieder an Identität und politischem Gewicht in die EU einbringen?". Bachmanns Beitrag konzentriert sich in erster Linie auf eine Analyse der polnischen Haltung zur EU und bemängelt das Fehlen einer seriösen politischen und gesellschaftlichen Diskussion über die Rolle, die Polen in Zukunft darin spielen soll. In seiner Charakteristik des "Weimarer Dreiecks" sieht Bingen die künftige Aufgabe polnischer Außenpolitik als die eines Anwalts für Polens Nachbarn im Osten, die der EU noch lange nicht werden beitreten können, gegenüber Deutschland, Frankreich und der gesamten EU.

Während die Begriffe "Öffnung" und "Erweiterung" immer noch Gegenstand kontroverser politischer Debatten sind, schreitet die globale wirtschaftliche Verflechtung voran. Wohl auf keinem anderen Markt ist die Globalisierung so weit fortgeschritten wie in der Finanzwelt. Werner Seifert und Joachim Voth analysieren die Entwicklungen an der Warschauer Börse und zeichnen die Perspektiven polnischer Finanzmärkte als eines stabilen Beitrags zur Stärkung des Finanzstandorts Europa auf. 

Geschichte und Gegenwart sind Bezugspunkte weiterer Beiträge. In Klaus Zernacks Überlegungen zur Gnesener Millenniumsfeier, zum spektakulären Beginn der deutsch-polnischen Nachbarschaft vor 1000 Jahren, wird ein weiter Spannungsbogen der gegenseitigen Wahrnehmung zwischen Deutschen und Polen bis in die heutige Zeit geschlagen. Krzysztof Ruchniewicz zeigt am Beispiel der schwierigen Anfänge des wissenschaftlichen Dialogs zwischen deutschen und exilierten polnischen Historikern nach dem Zweiten Weltkrieg, wie sehr die Geschichtswissenschaft, insbesondere die Zeitgeschichte, auf internationalen Austausch, Vertrauen und Respekt vor anderen Auffassungen angewiesen ist.
Auf die geschichtliche Entwicklung der letzten 150 Jahre zurückzuführen ist auch das gegenwärtig diskutierte Problem der "polnischsprachigen Gruppe" in Deutschland, die aus Menschen verschiedener ethnischer Herkunft und unterschiedlicher Sozialisation und Tradition besteht. Zwischen ihnen zu differenzieren, sie aber in ihrer Gesamtheit als Chance für den deutsch-polnischen Dialog zu begreifen, ist keine leichte Aufgabe. Ihre Geschichte, Identität, ihr soziales wie politisches Bewußtsein sollen nun endlich Gegenstand seriöser Untersuchungen und gleichzeitig eines verantwortungsvollen politischen Diskurses werden, so weit unsere bescheidene Intention. Einen Beitrag dazu möchten wir mit dem Artikel von Kazimierz Wóycicki leisten.

Im Literaturteil stellen wir diesmal vorwiegend Texte polnischer Autoren vor, die seit Jahren im Ausland leben. Dies ist zunächst nur eine äußere Gemeinsamkeit, hinter der weder eine generationstypische noch eine stilistische oder gattungsspezifische Absicht steht. Wir beginnen mit der Erzählung eines Altmeisters der polnischen Prosa, Gustaw Herling-Grudziñski, dessen Werk sehr stark in der italienischen Kunst- und Literaturtradition verwurzelt ist, gefolgt von einem Gespräch zwischen dem Autor und dem Warschauer Literaturkritiker W³odzimierz Bolecki. Die Prosa jüngerer Autoren sucht dagegen stärker nach Bezügen zur alten Heimat: Die Kurzerzählungen des in Paris lebenden Roman Gren tragen autobiographische Züge, und in der Erzählung des Aacheners Krzysztof Mik tauchen Migrantenschicksale der "Polnischsprachigen" in Deutschland auf. Darüber hinaus empfehlen wir neue Gedichte von Ewa Lipska, Adam Wiedemann und die metaphernreiche, lyrische Prosa von Natasza Goerke. 

Der Chronikteil wurde in diesem Jahr konzeptionell neu gestaltet. Jeder bisher von uns präsentierte Kulturbereich - Literatur, Film, Kunst, Musik und Theater - wird grundsätzlich weiter bestehen bleiben. Der Berichtszeitraum wird auf zwei Jahre ausgedehnt. Nach Möglichkeit werden wir uns bemühen, in einer Ausgabe die deutschen, in der nächsten die polnischen Autoren zu Wort kommen zu lassen. Der Beitrag über die jüngsten Entwicklungen der polnischen Literatur wird wie bisher jährlich erscheinen, allerdings haben wir uns in dieser Ausgabe dazu entschlossen, die beiden Workshop-Referate von Anna Nasi³owska und Wolfgang Schlott über die polnische Literatur- und Verlagsszene der neunziger Jahre im Essayteil zu veröffentlichen. 

Die Redaktion


nach oben zurück

 
 
   
Ansichten
 


Aktuelles:
Sylwia Chutnik liest aus "Weibskram" am 23. Mai 2012 in DarmstadtTagungs-Dokumentation "Polen in der Schule" jetzt onlinePräsentation des "Jahrbuchs Polen 2012 Regionen" und der "Polnischen Gesellschaft" am 21. Juni 2012 in LeipzigJahrbuch Polen 2012 Regionen erschienen