Grundsätzliche Geschichtsdebatten waren noch vor einigen Jahren in Polen unbekannt. Aber gerade viele Deutsche meinen, die Polen seien ein durch und durch geschichtsbewusstes Volk, das seine Kraft außer aus dem katholischen Glauben doch gerade aus der Geschichte schöpfe, die auch gegenwärtig die Legitimität für die ersehnte "Rückkehr nach Europa" stifte. In Wirklichkeit handelt es sich aber oft um ein sogenanntes geschichtliches Populärwissen -eine eher oberflächliche Kenntnis von Namen, Daten und Fakten -, dem eine eingehende Reflexion und Analyse fehlen. So machten sich Eigenbilder breit, die heute mit der Realität in Konflikt geraten. Die polnische Öffentlichkeit ist deshalb gegenwärtig gezwungen, ein Tabu nach dem anderen fallen zu lassen. Das tradierte Eigenbild wird gerade im Verhältnis zu Anderen, zu Fremden, zu Nachbarn immer wieder auf eine neue Probe gestellt. Mit dem Beitrag von Janusz A. Majcherek, einem der profiliertesten Publizisten der Tageszeitung RZECZPOSPOLITA, wollen wir dem deutschen Leser die Grundzüge der aktuellen Geschichtsdebatten (einschließlich der Diskussion um den Judenmord in Jedwabne 1941) in Polen präsentieren. Mit dem Verhältnis der Polen zu der von den Nazis betriebenen Vernichtungspolitik gegen die Juden befassen sich auch zwei Beiträge im Literaturteil. Ausgewählten Fragmenten eines größeren Werkes von Janusz G³owiñski folgt ein Gespräch des Autors mit Anka Grupiñska, die selbst Autorin mehrerer Bücher zum Thema Holocaust ist, über die Möglichkeiten der Sprache und der Literatur, diese extreme Erfahrung wiederzugeben.
Einen anderen Schwerpunkt des Jahrbuchs stellt die Bedeutung der Pariser Monatsschrift KULTURA dar, die mit dem Tod des Herausgebers und Chefredakteurs Jerzy Giedroyc im Jahr 2000 eingestellt wurde. In den ANSICHTEN 1998 berichteten wir über das 50. Jubiläum dieser heute schon fast legendären Einrichtung. Um den "Fürsten von Maisons-Laffitte" gruppierte sich ein ganzes Team von hervorragenden Intellektuellen, die ihn bei seiner Aufgabe unterstützten. Leszek Szarugas Hommage an Jerzy Giedroyc ist zugleich eine Huldigung an die gesamte "Familie". Im Literaturteil bieten wir in diesem Zusammenhang Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Jerzy Giedroyc und Andrzej Bobkowski, einem der ersten KULTURA-Mitarbeiter in Paris. Seine Emigration aus Europa 1948 begründete eine Jahrzehnte währende Brieffreundschaft und Zusammenarbeit zwischen den so verschiedenen Partnern.
Gleichzeitig präsentieren wir Auszüge aus den Reisenotizen Bobkowskis zu Mittelamerika, in denen er eine Abrechnung mit dem "intellektuellen" Europa der Nachkriegszeit liefert. Darüber hinaus finden Sie im Essay-Teil dieser Ausgabe einen umfangreichen Text über die deutsch-polnischen Beziehungen auf dem Gebiet der Philosophie von Jan Garewicz. Den Literaturteil ergänzen Gedichte von Joanna Stefko und Inga Iwasiów sowie pointierte Kurzprosa von Andrzej Stasiuk.
Die Chronik eröffnet Anna Nasi³owska mit ihrer Darstellung der neuesten Entwicklungen in der polnischen Literatur; es folgen Berichte über die Wahrnehmung der polnischen Kunst, des polnischen Theaters und des polnischen Films in Deutschland sowie eine Vorstellung des Adam-Mickiewicz-Institutes, das die polnische auswärtige Kulturpolitik koordiniert. Auf die detaillierte Chronik der Ereignisse im Deutschen Polen-Institut haben wir aufgrund der Informationen in den halbjährlich erscheinenden und durch das Institut zu beziehenden DPI-NACHRICHTEN verzichtet. Aufmerksamen Lesern schulden wir eine polnische Sicht auf die deutsche Kunst, die erst im nächsten Jahr wieder erscheint. Verändert haben wir die Auswahlbibliographie deutschsprachiger Veröffentlichungen zu Polen, die zum ersten Mal nach Sachbereichen gegliedert ist: Deutsch-Polnische Beziehungen, Politik und Gesellschaft, Wirtschaft, Geschichte, Kultur-Literatur-Sprache, Belletristik-Einnerungen und Sonstiges. Diese Gliederung erlaubt einen schnellen und gezielten Zugriff auf die gesuchten Daten.
Das Jahrbuch illustrieren Photographien polnischer Juden aus dem Bildband "ci±gle widzê ich twarze / I still see their faces" (Warszawa 1996), die wir mit freundlicher Genehmigung der "Shalom Foundation" in Warschau abdrucken.
Die Redaktion