Deutsches Polen-Institut
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Jahrbuch 14 - Vorwort

Totgesagte leben länger. Auch Todgeschwiegene. Im Bereich Literatur widmet sich dieses Jahrbuch Józef Mackiewicz, einem lange Zeit in Polen wie im Ausland vernachlässigten Exilautor, der heute nicht nur eine Renaissance seines Werkes erlebt, sondern auch bei der Kritik auf immer größeres Interesse stößt. Aus Anlass seines unlängst begangenen 100. Geburtstages (2002; Mackiewicz starb 1985) erschienen in mehreren polnischen wie deutschen Zeitungen umfangreiche Würdigungen seines Lebens und seiner Bücher. Mackiewicz, der nach dem Krieg in München lebte, war ein "Territorialpatriot" der ehemals polnischen Ostgebiete, ohne diese für eine (polnische) politische Option zu vereinnahmen. Eher war das Gegenteil der Fall. Von daher rührte auch sicher die Tatsache, dass er bei der politischen Klasse im Polen der Zwischenkriegszeit äußerst unbeliebt war. Der konsequente Antikommunismus trieb ihn nach dem Krieg zur Emigration, wo er jedoch isoliert blieb. Im Polen der Nachkriegszeit waren seine Werke verboten, schließlich verschwiegen. Seine Kontakte mit Deutschen während des Krieges sollten ihn endgültig in Ost und West als Kollaborateur diskreditieren. Auch wenn Mackiewiczs Lebensweg und seine Motivationen unklar bleiben, bleibt die Qualität seiner Prosa unumstritten. Über das Leben und das Schaffen des unbequemen Autors schreibt Reinhard Veser, im Literaturteil präsentieren wir einen  Auszug aus dem in deutscher Sprache noch nicht vorliegenden Roman "Nie trzeba g³o¶no mówiæ" (Man muss nicht laut reden).

Einen anderen Schwerpunkt dieser Jahrbuch-Ausgabe stellt ein seit mehreren Jahren in den ehemaligen deutschen Ostgebieten auftretendes Phänomen polnischer Erinnerungskultur dar. Viele junge Polen beschäftigen sich dort mit dem deutschen Teil der Geschichte von Stadt und Land ihrer nicht mehr ganz so "neuen" Heimat. In diesem Kontext ist das Schaffen des jungen Stettiner Autors Artur Daniel Liskowacki zu sehen, der die Spuren seiner Heimatstadt literarisch erforscht und dies in der Erzählung "Wieczno¶æ pióra" (Die Unvergänglichkeit der Feder) auch eindrucksvoll unter Beweis stellt. Peter Oliver Loew zeichnet in seinem Essay den Kampf um die "richtigen" Erinnerungsmuster in der Stadt Danzig vor und nach dem Zweiten Weltkrieg und deren Wandel im Zuge des steigenden Interesses, das junge Polen in den letzten Jahren an der deutschen Geschichte der Stadt bekunden. An dieser Stelle möchte sich die Redaktion herzlich bei Frau Dr. Gra¿yna Opalska-Stomma für die Abdruckgenehmigung der Photos ihres Vaters, Julian Opalski, bedanken. Sie sind dem Bildband "Ende und Anfang. Danzig 1945-1955" entnommen, der im Jahr 2000 im Danziger Verlag s³owo/obraz terytoria herausgegeben wurde. Das Photo auf Seite ++ stammt aus dem Buch von Maria und Andrzej Szypowski: Gdañsk. Warszawa 1983, S. 39.

Der Essayteil hat noch sehr viel mehr Anregendes zu bieten: Basil Kerski kommt in seiner  aktuellen Analyse der deutsch-polnischen Diskurse zu dem Schluss, dass die für kurze Zeit in den Hintergrund getretenen Geschichtsdebatten immer noch den Dialog zwischen Deutschen und Polen bestimmen. Dass es sich dabei um ein Minenfeld handelt, wird von den Protagonisten oft unterschätzt, was selbst im letzten Bundestagswahlkampf und bei den Verhandlungen zum polnischen EU-Beitritt deutlich wurde.
Ein besonderes Geschichtsthema behandelt Jerzy K³oczowski, der einen kursorischen Abriss der Beziehungen zwischen der polnischen und der deutschen Kirche von den Anfängen bis in die Gegenwart gibt.

Olaf Kühne beschreibt die Entwicklung der sozialistischen Raumordnungs- und Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte und deren Einfluss auf die Umweltbelastung der polnischen Städte. Viele Faktoren jener damals realisierten Vorhaben bestimmen die Umweltsituation in Polen bis heute.Im literarischen Teil bieten die ANSICHTEN neben den oben erwähnten Texten von Józef Mackiewicz und Artur Daniel Liskowacki weitere Kostproben neuerer Werke polnischer Autoren. Wir präsentieren die Erzählung des bekannten Prosaikers W³odzimierz Odojewski "Nie mog±c uwierzyæ jeszcze" (Noch nicht begreifen können), die das Thema der Teilung Deutschlands in einen sehr persönlichen, ja intimen deutsch-polnischen Kontext stellt.

Jerzy Sosnowski gehört zu den jüngeren Autoren, die noch keinen Verlag in Deutschland gefunden haben, in Polen aber schon seit Jahren bei Kritik und Publikum Erfolge erzielen. Die Kurzgeschichten aus dem Band "Linia nocna" (Nachtlinie) gehören dabei zu einem eher unterhaltsamen Genre.

Die Lyrik ist diesmal durch zwei Gallionsfiguren polnischer Dichtung vertreten: Julia Hartwig und Adam Zagajewski.Die Kulturchronik wird in diesem Jahr von polnischen Beobachtern mit Beiträgen über Literatur, Film, Kunst und Theater gestaltet. Insbesondere möchten wir auf den kunsthistorischen Beitrag unserer neuen Autorin Dorota Monkiewicz hinweisen, der die Entwicklung der polnischen Kunst in den letzten vier Jahren zusammenfasst. Last but not least findet der Leser auch in diesem Jahrbuch wieder mehrere aktuelle Bibliographien.

Die Redaktion


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