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Das Deutsche Polen-Institut vor neuen Herausforderungen und Chancen
1. Versuch einer Annäherung an den Stand der Dinge
Die Jahre 1999 und 2000, die Jahrhundert- und Jahrtausendwende reizen zu Bilanzen und Ausblicken, Spekulationen, Befürchtungen und Hoffnungen. Für die Silvesterbankette 1999 auf den prominenten Aussichtsplätzen unseres Planeten wird jeder Eintrittspreis gezahlt. Die Zukunftserwartungen scheinen hoch zu sein. Dazu erhofft sich so mancher einen wohligen Schauer beim Rückblick auf das saeculum horribile. Überall kündigen sich Wechsel an. Wechsel haben stattgefunden.Die zweite Generation von Persönlichkeiten, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa Politik, Wirtschaft und Kultur gestaltete, hat in kurzer Zeitabfolge die Bühne verlassen. In der Politik waren es so unterschiedliche Charaktere wie Margaret Thatcher, François Mitterrand, Michail Gorbatschow, Tadeusz Mazowiecki, Helmut Kohl, um nur einige zu nennen. In der Welt der Literatur, des Films, des Theaters ließe sich die Namensliste fortführen. Die seit Jahren und Jahrzehnten vertrauten Gesichter machen die Bühne frei für eine neue Generation. Frei? Die Kostüme und Dekorationen lassen den Fundus überquellen, und die politische Bühne, die Theaterbühne (und all die anderen Bühnen) sind nicht leer. Aber irgendwie hat das geneigte oder erschreckte Publikum mitbekommen, daß die neue Regie -- in welchem Theater auch immer -- in einem anderen Rhythmus spielt oder neue Stücke probt, zumindest auf der Suche nach etwas Neuem ist. In der Politik nennt man das "New Labour" oder "Neue Mitte".
Auch das Deutsche Polen-Institut liegt auf keiner Insel der Seligen, selbst wenn sein Domizil auf der Darmstädter Mathildenhöhe die ehemalige Residenzstadt um einige Höhenmeter überragt. Auch und gerade diese Einrichtung, die seinerzeit als Kontrapunkt zu einer kritikwürdigen Realität deutsch-polnischer Verhältnisse gegründet worden ist und die fast zwei Jahrzehnte lang vornehmlich über die Vermittlung der polnischen Literatur mit ihrem überragenden spiritus rector Karl Dedecius zu einer Verbreiterung und Vertiefung des Verständnisses und der Kenntnisse über Deutschlands Nachbarn Polen beigetragen hat, ist von der grundlegenden europäischen Wende 1989/90 betroffen gewesen, vielleicht sogar besonders stark. Denn der Völkerfrühling vor zehn Jahren hat gerade im deutsch-polnischen Verhältnis zu einem unvorhergesehenen Paradigmenwechsel geführt. Der deutsch-polnische Dialog findet heute auf allen Ebenen, in einer bemerkenswerten Intensität und unübersehbaren Vielfalt statt. Diese Feststellung trifft auf einen offenen, aber stabilen Kreis von Interessierten und Engagierten zu, die das Netz deutsch-polnischer Kontakte knüpfen. Die Wahrnehmung, daß die Begegnung der beiden Völker bis heute die Sache einer Minderheit geblieben ist, eine Sache, die die breite Öffentlichkeit in Deutschland kaum berührt oder interessiert, steht dazu nicht im Widerspruch. Ja, die öffentliche Meinung -- in Deutschland zumindest -- hat Anno Domini 1998 ein ganz anderes Bild von Polen und von den Beziehungen zwischen Polen und Deutschen, als es von der deutschen "Polen-Lobby" gezeichnet und vermittelt wird. Die Diskrepanz zwischen dem frommen Wunsch und der rauhen Wirklichkeit der Perzeption des Nachbarn jenseits von Oder und Neiße bleibt bisweilen erschreckend. Es fällt dem aufmerksamen Beobachter schwer, keine Medienschelte zu betreiben. Was läuft falsch in diesem Lande, wenn Kreise, die sich zu den aufgeklärten zählen, einem geradezu beschämend primitiven Polenbild huldigen, das jedem aufklärerischen Anspruch Hohn spricht. Dabei tut es nichts zur Sache, daß der Begriff Aufklärung sich derzeit keiner großen Beliebtheit erfreut, "out" zu sein scheint. Harald Schmidt z.B. hat sein Selbstverständnis vor einigen Monaten in einem Gespräch mit Giovanni di Lorenzo zum besten gegeben und der traditionellen Idee des politischen Kabaretts, der Satire, Vor-Urteile als solche zu "entlarven", abgeschworen. Das ist seine Sache. Daß aber der Deutsche Volkshochschul-Verband seinen Adolf-Grimme-Preis 1997 in der Sparte Fiktion und Unterhaltung dem zweifellos erfolgreichen und schlagfertigen deutschen Entertainer verlieh, nachdem die Jury u.a. die Begründung geliefert hatte, daß es Schmidt keine Überwindung koste, "wenn er in der ersten Hälfte seiner Nachtshow Menschen, Polen, Sensationen und gerne auch sich selbst mit Sottisensauce übergießt", dann sagt das etwas über die Verunsicherung unserer classe culturelle aus. Sie hat "Deutschlands Trashman Nummer eins" (so die Jury) für seine Quote geehrt. Das wär's dann auch. Soll man sich noch ärgern, wenn der Privatsender ProSieben montäglich in seinem Satiremagazin "switch" Frau Pr¹bybl... die "Deutsche Welle Polen" ansagen läßt? In den Köpfen der Sketchproduzenten spiegelt sich ein Polenbild, das wahrlich "trash" (= Müll) ist -- um es einmal so salopp auszudrücken. Der Zustand Rußlands und seines Präsidenten gäbe Vorlagen noch und noch für Gehässigkeiten neudeutscher Privatfernsehsatire. Aber der subkutane Respekt vor Rußland scheint bis heute nicht nur in Satiremagazinen, sondern auch in weiten Kreisen der deutschen Gesellschaft die Schere im Kopf zu bedienen, die man sich, wenn's um unseren polnischen Nachbarn geht, bisweilen herbeisehnt. Freilich, soll man sich noch aufregen, oder ist das altmodisch -- voll in die Falle getappt, die coole Beliebigkeit ausgelegt hat? Der Leser oder die Leserin dieser Zeilen mag den Kopf schütteln und fragen: Muß er denn so in die Niederungen steigen? Muß er denn so konkret werden? Sind das denn nicht Extremfälle, die er da aufspießt? Ich fürchte, es ist ein nicht unbedeutender Teil der Wirklichkeit von Wahrnehmung der polnischen Nachbarn, oft ein fast Pawlowscher Reflex auf das Stichwort "Polen" fast zehn Jahre nach der großen Wende in der Mitte Europas und sieben Jahre nach der Unterzeichnung des "Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit". Neue negative Stereotype haben teilweise die alten negativen Stereotype ersetzt -- und das beileibe nicht nur in den ungebildeten Kreisen des deutschen Volkes. Das Stichwort "polnische Wirtschaft" als neues Synonym für den bemerkenswerten ökonomischen Aufstieg nach der "Schocktherapie" des Finanzministers Leszek Balcerowicz hat nur Eingang in die deutschen Wirtschaftsmagazine und in den Wirtschaftsteil der großen Tageszeitungen gefunden, in weiten Kreisen der Bevölkerung ist das "polnische Wirtschaftswunder", das genauso wenig ein Wunder ist wie das "deutsche Wirtschaftswunder" der fünfziger Jahre, bis heute völlig unbekannt geblieben. Deutsche Schüler scheuen Besuche in Polen, da sie befürchten, dort aufgrund vermuteter Mangelwirtschaft kaum satt werden zu können und ärmlich gekleideten Schulkameraden zu begegnen, die weder Rap noch Discos kennen. Lassen wir es bei der kurzen Negativliste bewenden. Fazit: Das Wissen über Geschichte, Kultur, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft Polens ist in der deutschen Bevölkerung immer noch erschreckend gering. Das gilt offenbar im gleichen Maße für die Vermittler von Wissen und Meinung. Dieser Stand der Dinge im Hinblick auf unseren großen und wichtigen östlichen Nachbarn und neuen Bündnispartner bereitet den Boden für die Bestätigung alter und die Schaffung neuer Vorurteile. Zusätzlich droht durch das allmähliche Abtreten der sogenannten Erlebnisgenerationen in beiden Ländern das bisher an gegenseitiger Aufmerksamkeit, Verpflichtung und Vernetzung Erreichte teilweise wieder verlorenzugehen. Der "Krieg der Resolutionen" im Sommer 1998 und die politischen Verständigungsprobleme nach dem Bonner Regierungswechsel im Herbst 1998 ließen sich ohne Berücksichtigung des Generationswechsels und der unterschiedlichen Erfahrungshorizonte der politischen Akteure in Warschau und in Bonn nicht erklären. Dabei sind die deutsch-polnischen Verhältnisse keine rein bilaterale Angelegenheit. Ihnen kommt europäische Bedeutung zu. Deutschland und Polen stehen vor neuen, teilweise drastisch veränderten Aufgaben: Nach der in Kürze bevorstehenden Aufnahme Polens in die NATO stellen die Verhandlungen über die EU-Integration Polens neue, schwierige Bewährungsproben für das immer noch störanfällige deutsch-polnische Verhältnis dar. Der deutsch-polnischen Zusammenarbeit kommt aber eine Schlüsselbedeutung in den europäischen Integrationsprozessen zu. Sie bedarf einer breiten politischen und gesellschaftlichen Unterstützung. An der deutsch-polnischen Grenze wird sich der (Miß-)Erfolg europäischer Integrations- und Einigungsbemühungen messen lassen. Klappt's hier nicht, dann wird man den Prozeß der Öffnung und Erweiterung der europäischen Union vergessen können. An deren Erfolg müssen jedoch alle Verantwortlichen in den europäischen Hauptstädten interessiert sein. Derzeit ist die neuartige deutsch-polnische Nachbarschaft im EU-Integrationsprozeß vornehmlich von der Perzeption neuer Risiken angesichts von Strukturkrisen in Deutschland und einem Ost-West-Gefälle begleitet. Die Gefahr einer zunehmenden Fremdenfeindlichkeit und Abschottungsmentalität gilt es abzuwehren. Die Perspektive der Entfremdung -- obwohl man sich kaum erst kennengelernt hat -- und einer unfreundlichen Grundstimmung könnte dadurch, daß Polen sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern immer mehr als ein aufstrebender Konkurrent im Werben um Investitionen und Arbeitsplätze wahrgenommen wird, weiter wachsen.
2. Und was hat das alles mit dem Deutschen Polen-Institut zu tun?
Ist "Darmstadt" hauptverantwortlich für den Stand der Dinge? Ist das Deutsche Polen-Institut schuld daran, daß die deutsch-polnischen Beziehungen ungeachtet der riesigen Fortschritte, die man sich vor zehn Jahren noch nicht vorstellen konnte, so verbesserungsbedürftig sind? Nein, natürlich nicht! Wer wollte so vermessen sein? Das DPI ist nicht allzuständig, nicht omnipräsent, keine Feuerwehr, die allerorten drohendes Ungemach von den deutsch-polnischen Beziehungen abzuwehren hätte. Aber es lohnt sich, noch einmal einen Blick auf die Satzung des Instituts zu werfen. Dort wird der Vereinszweck wie folgt beschrieben: Dieses Institut hat die Aufgabe, zur Vertiefung der Kenntnis des kulturellen, geistigen und gesellschaftlichen Lebens beider Völker beizutragen. Es erfüllt diese Aufgaben insbesondere
- durch Forschung, Publikationen und Veranstaltungen,
- Zusammenarbeit und Pflege von Kontakten mit Personen und Einrichtungen, die ähnliche Zwecke verfolgen,
- Information und sachkundige Beratung
und trägt so zur Schaffung der geistigen Grundlagen für eine deutsch-polnische Verständigung bei. Das Deutsche Polen-Institut antwortete auf die Öffnung von deutsch-polnischen Grenzen und Begrenzungen mit neuen Formen des Kulturdialogs. Im Frühherbst 1996 setzten sich Mitglieder und Freunde des Instituts, darunter der Unterzeichnete, auf Einladung von Karl Dedecius in Darmstadt zusammen, um über die Zukunftsperspektiven des DPI zu beraten. In der Gesprächsrunde bestand Konsens darüber, daß bei unbedingt notwendiger Fortsetzung der literarischen Arbeit die Verlagerung von Schwerpunkten und die Erweiterung des Wirkungskreises des Instituts anzustreben seien. Die Arbeit des Instituts ging auch bisher schon über Literatur hinaus. Dennoch hielten die Teilnehmer an dem Beratungsgespräch eine Erweiterung der Aktivitäten zumindest in zweierlei Richtung für wünschenswert.
1. Der Kulturdialog sollte verstärkt politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Themen einbeziehen.
2. Es sollten auch Kreise angesprochen werden, die bisher am deutsch-polnischen Kulturdialog nicht beteiligt waren. Mehrere konkrete Vorschläge wurden seinerzeit zu Papier gebracht. Die im August 1997 verabschiedeten "Leitlinien zur weiteren inhaltlichen Ausrichtung des Deutschen Polen-Instituts" brachten weitere Konkretisierungen und inhaltliche Vorschläge, die "einerseits die Aufnahme gesellschaftlicher Themen" beinhalteten, "die im deutsch-polnischen Verhältnis von Bedeutung sind oder werden können" andererseits die Intention widerspiegelten, das Verständnis für "den jeweils bestehenden kulturellen Hintergrund im Sinne von historischen gesellschaftlichen Zusammenhängen sowie gewachsenen Verhaltensmustern und Mentalitäten" zu wecken. Mit dem unmittelbar bevorstehenden Abschluß der literarischen Großprojekte besteht nunmehr die Gelegenheit, zum einen das literarische Profil des Instituts mit neuen Inhalten zu füllen und zum andern das Tätigkeitsprofil des DPI in bisher vernachlässigte Bereiche hinein zu erweitern, die den Charakter der deutsch-polnischen Beziehungen selbst entscheidend prägen werden. Die konkrete Aufgabe für das DPI am Ende des Jahrhunderts und am Anfang des nächsten Jahrtausends besteht, wenn man das Brainstorming von 1996 und die Leitlinien von 1997 richtig liest, darin, bei gleichbleibender Aufgabe Arbeitsinhalte und -formen den gewandelten politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen anzupassen -- mehr noch, Initiative zu entwickeln, neu zu inspirieren. Das DPI sollte zusammen mit anderen Partnern zur Errichtung eines anspruchsvollen und zugleich praxisorientierten, kontinuierlichen Dialogs beitragen, der den Zusammenhang von politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten erkennt. Auch in Zukunft sollte der Schwerpunkt des Wirkens und der Einflußnahme des DPI angesichts seines Renommees, seines Profils, seiner Expertise und seiner personellen und finanziellen Spielräume bei den im weitesten Sinne "tragenden" Gruppen in Deutschland liegen. Wie heißt es so richtig in den Leitlinien: "Was die Vermittlertätigkeit betrifft, sollte man sich nicht der Illusion hingeben, man könnte in jedem Falle eine breite Öffentlichkeit erreichen. Ziel sollte es sein, die zu interessieren, auf die es politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich ankommt." Die sogenannten "Funktionseliten" in Politik, Kultur, Verwaltung, Gesellschaft, Medien und Wirtschaft sind die entscheidende Ebene, wenn es darum geht, den deutsch-polnischen Dialog vorwärts zu bringen bzw. ihn zu behindern. (Wer stimmt über eine Bundestagsresolution ab? Nicht der Bundeskanzler, sondern mehr oder weniger Bundestagsabgeordnete. Wer entscheidet über die Geschichts- oder Gemeinschaftskunde-Curricula? Nicht der Geschichts- oder Gemeinschaftskundelehrer, es sind die Schulbehörden. Wer ist verantwortlich für das Profil einer Satiresendung? Nicht die Ideenpools oder "Schauspieler" vielmehr die Abteilungsleiter oder Programmdirektoren.) Deshalb sollte in Zukunft insbesondere eine mittlere Ebene von Politik, Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft durch das Angebot des DPI angesprochen werden. Das Verhältnis zu Polen ist in den neuen Zeiten "normaler" europäischer Beziehungen nach westeuropäischem Vorbild zu einer Sache der Vergesellschaftung geworden. Die Entwicklung eines gutnachbarschaftlichen, mitnichten konfliktfreien, aber doch lebendigen deutsch-polnischen Verhältnisses ist ein bürgerliches Projekt im aufklärerischen Sinne, das des Engagements vieler Persönlichkeiten und kleiner Gruppen bedarf, die ein Netzwerk schaffen, das auch starken Belastungen standhält. Das exemplarische Wirken eines so angesehenen, aber kleinen Institutes wie des DPI entzieht der Befürchtung einer neuen Beliebigkeit den Boden. Eine Konkurrenz mit dem weiten Netz der notwendigen und wertvollen Veranstaltungen von Volkshochschulen, Landeszentralen für politische Bildung oder anderen Trägern politischer, gesellschaftlicher, kultureller oder wirtschaftlicher Programme ist nicht intendiert und angesichts der beschränkten Mittel nicht realisierbar. Die Zusammenarbeit mit diesen Institutionen als Partnern kann in vielen Fällen erwünscht sein, ja sogar unabdingbar werden. Das DPI selbst sollte freilich dazu stehen, im besten Sinne "elitär" zu sein, das heißt, solche Personen und Gruppen anzusprechen, die zu Entscheidungsträgern in einem weiteren Sinne zu zählen sind, eben "Funktionseliten". Das bleibt der hohe Anspruch des DPI, der eingelöst sein will.
3. Was ist zu tun?
Literatur -- Kultur. Die Schaffung der Voraussetzungen für die Fortführung des literarischen und kulturellen Dialogs bleibt ein Anliegen des Deutschen Polen-Instituts. Das literarische Programm wird neue Impulse erfahren. Der Abschluß der literarischen Großprojekte, der 50-bändigen "Polnischen Bibliothek" und des siebenbändigen "Panorama der polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts" wird mit der Vorstellung auf der Frankfurter Buchmesse 2000, deren Länderschwerpunkt Polen sein wird, einen würdigen Rahmen finden. Bereits in diesem Jahr wird diese Perspektive die Kräfte für den Anschub eines neuen literarischen Projekts freisetzen, das die Erfahrungen mit den vorangegangenen Großprojekten und mit der veränderten Literaturlandschaft Polen reflektiert. Die Suche nach neuen Formen und kürzeren Produktionszeiten von kleineren Reihen wird der Präsenz des DPI als des herausragenden Vermittlers polnischer Literatur auf dem deutschen Lesemarkt förderlich sein. Gleiches gilt mit Blick auf die Fortsetzung der Förderung polnischer Schriftsteller und polnischer Literatur durch das Veranstalten von Lesungen und Lesereisen. Mit der demnächst vorliegenden "Bibliographie zur Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen" wird jeder, der sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen von Literatur über Religion, Geschichte bis zu Wirtschaft und Politik von den Anfängen bis heute befaßt, ein einmaliges Kompendium in der Hand halten, das umfassend und kommentiert Auskunft über die bis heute in polnischer, deutscher und englischer Sprache erschienenen Veröffentlichungen zum deutsch-polnischen Verhältnis gibt. Die "Ansichten" das Jahrbuch des DPI, früher "Deutsch-polnische Ansichten zur Literatur und Kultur" wird seine junge Tradition fortsetzen, das Spektrum der deutsch-polnischen Beziehungen auszuloten, in Essays nicht nur über literarische und kulturelle Themen zu debattieren, sondern auch aktuelle Fragen über Geschichte und Politik, Gesellschaft und Wirtschaft aufzunehmen, die Polen und Deutsche gemeinsam betreffen. Die Rubrik "Literatur" wird auch in Zukunft neugierig auf ein Mehr an polnischen Autoren machen. Die Chronik über Literatur, Theater, Kunst, Film und Musik hat sich zu einer in Deutschland einmaligen Fundgrube entwickelt. In den "Veröffentlichungen" der sogenannten "Blauen Reihe" werden Forschungsergebnisse im Zusammenhang mit neuen Forschungs- und Arbeitsschwerpunkten des DPI publiziert werden. Der in diesem Jahr erscheinende Band stellt ebenso wie die zuvor erschienenen Bände, zuletzt der Titel "erinnern, vergessen, verdrängen. Polnische und deutsche Erfahrungen" unter Beweis, wie künstlich die Fronten geraten, wenn die Anhänger des Literatur- und Kulturdialogs den Politophilen und Soziophilen gegenübergestellt und Ausschließlichkeitsansprüche oder Hegemoniebestrebungen unterstellt werden. Neben der Aufgabe, im Bereich von Literatur und Kultur das in die Zukunft fortzuführen, was sich bewährt hat, werden im Institut neue kulturelle und kulturpolitische Projekte mit Partnern in Deutschland und in Polen entwickelt. Die Öffnung Polens in den neunziger Jahren läßt interessante Vergleiche zu: Wie sieht es mit der Rezeption und Absorption der Phänomene der Massenkultur, wie mit der sogenannten Amerikanisierung in Deutschland und Polen aus? Die Herausforderung der Verwestlichung gab es in der alten Bundesrepublik schon in den fünfziger Jahren, in den neuen Bundesländern und in Polen gibt es sie erst seit 1989/90. Wie gingen und gehen die drei Gesellschaften damit um? Bringen vergleichbare Massenkulturphänomene die Gesellschaften wirklich einander näher? Eine spannende Frage. Im Rahmen kultureller Aktivitäten ist auch verstärkt an ein Gespräch mit dem Deutsch-Französischen Institut in Ludwigsburg zu denken. Die räumliche Nähe dieses "Schwesterinstituts" und die räumliche Nähe zum französischen Nachbarn könnten Anregungen für Vergleiche liefern, die sich sicher fruchtbar auf einen Kulturtrialog Deutschland-Polen-Frankreich und auf den deutsch-polnischen Dialog auswirken würden. Politik -- Gesellschaft -- Wirtschaft Den konstatierten Informations- und Kenntnisdefiziten über Polen in deutschen Funktionseliten kann und muß auf unterschiedlichen Wegen begegnet werden. Forschungs- und Publikationsprojekte und interdisziplinäre Tagungen, die sich mit Fragen der politischen und ökonomischen Kultur, der Wirtschaftsmentalität und des nationalen und kulturellen Selbstverständnisses in Deutschland und Polen befassen, beispielsweise die unterschiedlichen kulturellen Bedingtheiten westdeutscher, ostdeutscher und polnischer Marktwirtschaft zum Thema haben, könnten Kultur- und Mentalitätsforscher, Wirtschaftswissenschaftler, Politiker und Unternehmer aus Deutschland und Polen zusammenbringen und einen interdisziplinären Austausch initiieren, der sowohl für die Wissenschaft als auch für die unternehmerische und politische Praxis nutzbringend wäre. In einer Reihe "Polnische Beiträge zum europäischen Denken des 20. Jahrhunderts" könnten kurze Essays von polnischen Wirtschafts-, Rechts-, Literatur- und Kulturwissenschaftlern sowie Historikern, Soziologen und Philosophen vorgestellt werden, die nicht nur für das polnische Denken charakteristisch sind, sondern es wert sind, über Polens Grenzen hinaus studiert und diskutiert zu werden. Das Vorwort eines deutschen oder ausländischen Kenners der Materie könnte in die Thematik des jeweiligen Bandes einführen. Zu den großen, noch nicht ausreichend bearbeiteten historisch-soziokulturellen Themen, die das deutsch-polnische Verhältnis mitbestimmen, gehört das Verhältnis zum Judentum. Präsident Kwa¶niewski sprach in seiner Laudatio anläßlich der Verleihung des Leo-Baeck-Preises an Bundespräsident Herzog im Juni 1998 in Berlin von einem "jüdisch-polnisch-deutschen Dreieck" in dem es eine starke Anziehung, aber auch tiefe Feindseligkeit gebe. Es sollte überlegt werden, ob das Deutsche Historische Institut und das Jüdische Historische Institut, beide in Warschau, für ein gemeinsames Geschichtsprojekt gewonnen werden können, das das Verhältnis zwischen Deutschen, Polen und Juden zum Thema hat. Die Geschichte dieses Spannungsverhältnisses ist keine rein historische Betrachtung. Die Empfindlichkeiten und Tabus in diesem Dreieck treten heute auf Schritt und Tritt zutage. Mangelndes Wissen und Vorurteile bestimmen bis heute jede Begegnung im deutsch-polnisch-jüdischen Kontext, führen bei deutsch-polnisch-jüdischen oder -israelischen Begegnungen zu Solidarisierungen, über die unsere Vorväter nur ungläubig den Kopf geschüttelt hätten (oder vielleicht auch nicht?). Mit den unterschiedlichen historischen und kulturellen Bedingtheiten für gegenwärtige politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklungen in Deutschland und in Polen werden die deutschen und polnischen Entscheidungsträger auf den verschiedenen Ebenen tagtäglich konfrontiert. Verständigungs- und Verständnisprobleme aufgrund von mangelndem Hintergrundwissen erschweren sowohl bilaterale wie zunehmend auch multilaterale Gesprächssituationen und Verhandlungen. Ohne ein Minimum an historischer und kultureller Landeskunde geraten Beziehungen auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene in eine Sackgasse. Dazu kommt gerade in der jüngeren deutschen und polnischen Generation der Funktionseliten in Politik, Wirtschaft, Medien und Kultur ein Defizit an persönlichen Kontakten nach und mit Polen. Schon in nächster Zeit sollte das ausdrücklich bekundete Interessse deutscher und polnischer Parlamentsabgeordneter in ein Gesprächsforum der Parlamentarier beider Länder münden, das nicht an die Mitgliedschaft in der deutsch-polnischen Parlamentariergruppe gebunden ist und in Deutschland und Polen Abgeordnete aus den jeweiligen Fachkommissionen bzw. Ausschüssen von Bundestag und Sejm zusammenbringt, damit sie gemeinsam die Lösung von Problemen vorbereiten können, die bilateral und im Zusammenhang mit der EU-Integration Polens und anderer ostmitteleuropäischer Staaten parlamentarisch behandelt werden. Derartige Workshops könnten abwechselnd in Berlin und Warschau stattfinden. Mit landeskundlichen Regionaltagungen in Form von kurzen Gesellschafts-, Wirtschafts- und Kulturworkshops mit attraktivem kulturellem Rahmenprogramm in unterschiedlichen Regionen Deutschlands (Südwest, Nordwest, Nordost, Südost) könnten potentiell oder aktuell mit deutsch-polnischen Kontakten befaßte Landtags- und Kommunalabgeordnete, Kulturschaffende und Unternehmer ihr Wissen über Polen erweitern und vertiefen. Die Einrichtung von young leaders meetings könnte führende Köpfe der jüngeren und mittleren Generation der 25- bis 40jährigen miteinander ins Gespräch bringen. So profitierten die nachwachsenden Entscheidungsträger aus Politik, Kultur und Wirtschaft stärker voneinander. Das Olbrichhaus würde zur Begegnungsstätte junger Funktionseliten. Eine Variation solcher Gespräche wäre die Zusammenkunft von Persönlichkeiten der älteren Generation (z.B. Gräfin Dönhoff, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker, Hans-Dietrich Genscher, Tadeusz Mazowiecki, Stanis³aw Stomma, W³adys³aw Bartoszewski) mit von ihnen ausgesuchten jungen Führungskräften. Neben der Durchführung von Forschungsprojekten, wissenschaftlichen Tagungen und geschlossenen Veranstaltungen bedarf das Wirken für die deutsch-polnische Verständigung der Öffentlichkeit. Ein newsletter wird künftig in regelmäßigen Abständen über die Arbeit des DPI berichten. Die junge Tradition der Podiumsdiskussion im Staatstheater Darmstadt mit prominenten Persönlichkeiten aus Deutschland und Polen hat bereits regen Zuspruch erfahren und sollte fortgesetzt werden. Der Sitz des Deutschen Polen-Instituts eignet sich nicht nur für das wissenschaftliche Arbeiten und für kleinere Tagungen. Das spezifische Ambiente des Olbrichhauses, genauer das Kaminzimmer, eignet sich auch als Kulisse für Darmstädter Gespräche am Kamin, in denen je ein angesehener deutscher und polnischer Teilnehmer des kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens -- dezent moderiert -- zu einem ausgewählten Themenbereich dialogisieren. Für eine solche einmal im Jahr stattfindende Veranstaltung sollte die Kooperation mit den Fernseh- und Hörfunkanstalten gesucht werden (HR, SDR, arte, Phoenix, DLF/DLR). Wegen der metropolitanen Rolle, die die deutsche Hauptstadt für das Zusammentreffen unterschiedlicher Eliten spielt, sollte darüber nachgedacht werden, ob das DPI nicht in Zukunft -- womöglich in Kooperation mit dortigen Partnern (Deutsch-Polnische Gesellschaft, DGAP, Polnisches Kulturinstitut u.a.) -- einen Polnischen Tag in Berlin veranstaltet, der als kulturelles und gesellschaftliches Ereignis (Lesungen, Vorträge, künstlerische Darbietungen, Pressekonferenz und Empfang) konzipiert werden müßte. Wissenschaftsförderung Auf längere Sicht sollte sich das DPI einer verstärkten Wissenschaftsförderung im Bereich Polen widmen, beispielsweise durch
Nachwuchsseminare für Studenten und Nachwuchsförderprogramme im Bereich der Polenforschung für junge Doktoranden am Institut. Damit könnte die Entstehung qualifizierter polenbezogener Arbeiten gefördert werden.
Netzwerkarbeit
Der Aufbau eines Netzwerks der deutschen Polenforscher aller Fachrichtungen würde einem von vielen Forschern und Praktikern empfundenen Mangel abhelfen. Das DPI könnte die Initiative zur Sammlung der entsprechenden Informationen und Daten übernehmen und mit interessierten Partnern über die Formen der Selbstorganisation und Kommunikation, z.B. durch regelmäßige Tagungen der Polenforscher in Deutschland, nachdenken. Am Ende der exemplarischen Darstellung bewährter und neuer Wege zur Vermittlung der Kenntnisse und des Verständnisses unseres Nachbarlands Polen läßt sich resümieren, daß das Deutsche Polen-Institut seine Zukunft darin sieht, das Lebenswerk seines Mitbegründers und langjährigen Leiters Karl Dedecius weiterzuentwickeln und auf diesem festen Fundament die neuen Möglichkeiten einer Ausweitung des deutsch-polnischen Dialogs zu nutzen. Die großen Aufgaben, die vor dem Deutschen Polen-Institut stehen, wird es nur mit den vereinten Kräften seiner Mitarbeiter erfüllen können. Die bewährte Kooperation mit privaten Stiftungen wird in Zukunft wegen der neuen Aufgaben für das Institut noch wichtiger werden. Die Zusammenarbeit mit Institutionen mit komplementärem Profil wird die Kräfte bündeln. Die Kooperation mit Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur wird dem DPI neue Anregungen und Möglichkeiten zur Verwirklichung seiner Ziele geben. Das Präsidium unter der Leitung von Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt und das Kuratorium werden dem Institut eine Stütze und ein guter Propagator sein. Karl Dedecius hat dem DPI einen internationalen Ruf verschafft, der verpflichtet. Mehr Worte über ihn wären an dieser Stelle weniger. Für eine Übergangszeit haben Präsidium und Kuratorium den früheren Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt, Günther Metzger, der 12 Jahre Vorsitzender des Kuratoriums des DPI war, gebeten, die Leitung des Instituts zu übernehmen. Allen sei der Dank, der ihnen gebührt. Die Bitte um Unterstützung richtet sich an alle, die sich der deutsch-polnischen Verständigung verpflichtet und dem Deutschen Polen-Institut verbunden fühlen.